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Geflüchtete Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern in Sachsen leben

Rafik Ch.*, 16 Jahre alt stammt aus einem kleinen Dorf in Afghanistan. Sein Onkel ist bei den Taliban, sein Vater nicht. Seine Mutter lebt nicht mehr. Rafik, seine vier Geschwister und sein Vater werden von dem Onkel bedroht. Sie leben mit der ständigen Angst, von den Taliban angegriffen zu werden. Die Familie sieht keinen anderen Ausweg, als ihre Heimat zu verlassen. Das Geld reicht aber nicht, um für sechs Personen die „Reise“ mittels eines Schleusers zu finanzieren. Der Vater entscheidet, dass sich Rafik als Ältester allein auf den Weg nach Europa machen soll. Nach drei Monaten voller Gefahren, Ängsten und Hoffnungen kommt Rafik schließlich in Leipzig an.

In Leipzig ist Nadine Hafkesbrink, Sachgebietsleiterin beim Allgemeinen Sozialdienst, Sachgebiet unbegleitete minderjährige Ausländer dafür zuständig, dass Rafik ein neues zu Hause bekommt. Bei einem Vororttermin von Petra Zais berichtet sie anschaulich vom Chaos im August 2015, als plötzlich ganz viele unbegleitete minderjährige Kinder und Jugendliche in Leipzig ankamen. Die Strukturen, die bis dahin vorhanden waren, funktionierten nicht mehr, neue Ideen wurden geboren und umgesetzt – erfolgreich! Mit viel Engagement, Kreativität und dem Willen, stets das Kindeswohl der geflüchteten Jugendlichen im Blick zu haben, leitet Nadine Hafkesbrink die von der Stadt Leipzig neu eingerichtete Abteilung.

Rafik wird in die Inobhutnahmeeinrichtung Mühlholz gebracht. Dort trifft er auf 46 andere Jugendliche, denen es so geht wie ihm und auf Arne Hector, dem Leiter dieses Clearinghauses. Auch Arne Hector erzählt Petra Zais von der Aufbruchsstimmung im August 2015, als von einem Tag auf den anderen erst 12, dann 18 und dann doch 50 Plätze für unbegleitete minderjährige Ausländer geschaffen werden mussten. Er berichtet auch von den vielen Mitarbeiter*innen aus Horten, Kitas und der Verwaltung der Stadt Leipzig, die sich bereit erklärten, die Betreuung der Jugendlichen in dem neuen Clearinghaus zu übernehmen. Das Chaos vom Sommer letzten Jahres wurde zwischenzeitlich von routiniert arbeitenden Strukturen abgelöst. Rafik bekommt ein Bett in einem Zimmer mit fünf anderen Jugendlichen, einen Vormund und einen Platz in der Schule. Sein Asylverfahren läuft nur sehr schleppend. Er hat viele Fragen, Antworten bekommt er wenige. Vor allem möchte er wissen, wann seine Familie – sein Vater und seine vier Geschwister - zu ihm kommen können. Er kann es nur schlecht ohne sie aushalten, alles ist neu, alles ist anders, alles ist ungewiss.

Nach fünf Monaten endet für Rafik die Zeit in der Inobhutnahmeeinrichtung Mühlholz. Der Umzug in eine Jugendwohngruppe außerhalb Leipzigs steht an. Marcus Eckhardt leitet die WG im Haus Sehlis. Der Geschäftsführer des Trägers Lucky Punch Florian Thieme und Marcus Eckhardt stellen Petra Zais das Haus und das auf Sport und Zusammenhalt ausgerichtete Konzept vor. Rafik kann hier durchatmen. Seine Sorge um seine Familie kann ihm aber auch hier niemand nehmen. Wenn Rafik 18 wird muss er diese Wohngruppe verlassen. Weitere Unterstützung durch die Jugendhilfe ist dann nur in engen Ausnahmefällen vorgesehen. Dass seine Familie zu ihm kommen kann ist nach der aktuellen deutschen Rechtslage höchst unwahrscheinlich. Bleibt zu hoffen, dass Marcus Eckhardt und sein Team Rafik so stark machen, dass er dann allein im deutschen Alltag klar kommt.

"Ich bin beeindruckt, wie schnell und kreativ in Leipzig Strukturen zur Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten geflüchteten Kindern und Jugendlichen geschaffen wurden.  Bei meinen Besuchen bin ich auf kraftvolle, engagierte Menschen, die etwas bewegen wollen, gestoßen. Hut ab! Gleichzeitig wurde deutlich, wie bürokratische Hürden und Ressortdenken und -handeln Integration, aber auch Familienzusammenführungen verhindern. An dieser Stelle besteht dringender Handlungsbedarf. Es darf nicht sein, dass Jugendliche nicht zu ihren Verwandten nach Göttingen oder Chemnitz ziehen können, weil für sie kein Zuweisungsbescheid ausgestellt wird. Es darf nicht sein, dass die Anschaffung von Wörterbüchern zum Staatsakt wird. Es darf nicht sein, dass unbegleitete Jugendliche, nachdem sie mehrere Monate in einer Einrichtung der Jugendhilfe gelebt haben, mit dem Erreichen des 18. Lebensjahres in eine Erstaufnahmeeinrichtung ziehen müssen. An dieser Stelle brauchen wir Lösungen, die am Kindeswohl orientiert sind." erklärt Petra Zais.

(*Name geändert)

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