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Milchpreisverfall: Um einen grundsätzlichen Richtungswechsel in der Landwirtschaftspolitik kommen wir nicht herum

Die Landwirtschaft befindet sich als Gesamtbranche in einer tiefen Strukturkrise. Die aktuelle Preiskrise ist eines der Symptome. Preiskrisen gibt es seit einigen Jahren immer öfter und im immer gravierenderen Ausmaß. Die gerade auch von den Bauernverbänden mit vertretene Politik einer konsequenten Industriealisierung der Landwirtschaft führt über den Weg einer immer stärker kurzfristig orientierten betriebswirtschaftlichen Optimierung wie in jeder Branche zu Konzentration der Betriebe. D. h. Verdrängung kleinerer Betriebe zu Gunsten immer größerer und rein betriebswirtschaftlich betrachtet effizienterer Unternehmen; Massenproduktion, Überproduktion, damit verbundener Preisverfall; Marktbereinigung durch Ausscheiden der kleineren Mitbewerber und letztlich Tendenzen zur Herausbildung von Oligopolen und Monopolen. Im weltweiten Wettbewerb haben dabei die größten Unternehmen, die sich am stärksten allein auf kurzfristige Gewinnmaximierung konzentrieren, die größten Erfolgsaussichten - allerdings langfristig mit gravierenden negativen Folgen für die Volkswirtschaft insgesamt.

Wer will, dass Landwirtschaft in Deutschland weiter von Familienbetrieben und mittelständischen Landwirtschaftsunternehmen betrieben wird; wer will, dass diese Betriebe so wirtschaften, dass der Erhalt unserer Kulturlandschaft genauso gewährleistet ist wie die langfristige Bodennutzbarkeit selbst, Belange des Tierwohls und der Schutz der Umwelt im weitesten Sinne einschließlich dem Erhalt der Artenvielfalt und der Qualität unseres Trinkwassers - der kommt um einen grundsätzlichen Richtungswechsel in der Landwirtschaftspolitik nicht herum.

Wir müssen weg von einer dominierenden Orientierung auf Massenproduktion für den Weltmarkt, noch dazu von weitgehend unverarbeiteten Ausgangsprodukten. Die Konkurrenz um die billigste Milch oder die billigste Schweinehälfte können wir nicht gewinnen. Wir müssen hin zu einer alles dominierenden Orientierung auf Qualität und Regionalität. Mit Qualität lassen sich entsprechende Preise nicht nur im Export, sondern vor allem in einer regionalen Vermarktung rechtfertigen. Entsprechende Preise rechtfertigen sich und geben zugleich den Spielraum für eine in jeder Hinsicht nachhaltige Landwirtschaft, die die Umwelt erhält, dem Tierwohl gerecht wird und dem menschlichen Bedürfnis auf eine erlebbare intakte Kulturlandschaft. Vorbildfunktion hat hier die ökologische Landwirtschaft, die das alles gewährleistet und die als eine der ganz wenigen Sparten der Landwirtschaft gerade nicht von der Preiskrise betroffen ist.

Falsch wäre es jetzt, in das bestehende und nicht nachhaltige System Landwirtschaft einfach mehr Geld zu geben. Damit können die laufenden Marktbereinigungsprozesse nicht aufgehalten, sondern bestenfalls kurzfristig etwas verzögert werden. Dieses Geld wäre nicht bloß sinnlos verloren. Es würde sogar regelrecht schaden, da es den überfälligen Richtungswechsel verzögern würde, den viele Betriebe dann gar nicht mehr erleben können, die heute ihre Existenzangst laut äußern.
Investiert werden muss jetzt unverzüglich in eine Stärkung der ökologischen Landwirtschaft und im noch viel stärkeren Maße in eine Ökologisierung der konventionellen Landwirtschaft und in deren Umstieg aus der Massenproduktion. Außerdem in den Aus- und Aufbau der Weiterverarbeitung und Veredlung in der Region und starker regionaler Vertriebswege sowie der Direktvermarktung. Der Anteil vom Endverkaufspreis, den der Landwirt erhält, muss erheblich steigen.
Kurzfristig und vorübergehend gehört dazu auch eine finanzielle Unterstützung für die Landwirte, die freiwillig weniger produzieren, sowie die Stärkung von Herstellern, indem ihnen Zusammenschlüsse sowie Mengenabsprachen und Preisabsprachen erlaubt werden.

Jetzt hilft nicht einfach Geld - sondern Geld für den Strukturwandel!

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