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Rede | 26.01.12

Annekathrin Giegengack zur Aktuellen Debatte über den Antibiotikaeinsatz

Redebeitrag der Abgeordneten Annekathrin Giegengack zur Aktuellen Debatte der GRÜNEN-Fraktion "Gefahr für Mensch und Tier - Sachsen braucht Regeln für den Antibiotikaeinsatz" in der 49. Sitzung des Sächsischen Landtages, 26.01., TOP 1

Es gilt das gesprochene Wort!
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Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Damen und Herren!

Sie haben Millionen Menschen dahingerafft — die klassischen Epidemien Pest, Cholera, Fleckfieber, Tuberkulose und Diphterie — und nur durch die Bekämpfung der Armut, durch Hygienemaßnahmen und den Einsatz von Antibiotika konnten diese tödlichen Seuchenzüge beendet werden.

Auch heute gibt es noch genügend bakterielle Infektionskrankheiten; doch sie haben ihren Schrecken verloren — eben durch den Einsatz von Antibiotika. Sie gehören zu den wichtigsten Waffen, die die Medizin heute besitzt.

Doch es stellt sich immer mehr die Frage: Wie lange noch? Es ist kein Geheimnis: Die Antibiotikaresistenzen nehmen ständig zu und zu den bereits seit vielen Jahren bekannten resistenten grampositiven Bakterien — den MRSA — kommen
zunehmend auch Resistenzen bei gramnegativen und gramvariablen Erregern hinzu. Um es konkret zu machen: Hier geht es zum Beispiel um die Erreger der Tuberkulose. Auch dort sind zunehmend Resistenzen zu verzeichnen. Das halte ich
für ein alarmierendes Signal.

Die Antibiotikaresistenzen in der Medizin haben drei wesentliche Ursachen: zum Ersten die Unwissenheit, vor allem in Anwendungsfehlern. So kommt es viel zu häufig zu einem unnötigen Einsatz von Antibiotika. Sie werden verschrieben bei viralen Infekten, wo sie gar nicht helfen. Es gibt keinen indikationsgerechten Einsatz; es wird mit Breitbandantibiotika geschossen, wenn einfache Antibiotika auch noch helfen würden. Außerdem werden die Medikamente sehr unzuverlässig eingenommen und häufig aufgrund einer fehlenden Aufklärung durch die Ärzte zu
zeitig abgebrochen.

Mit dem neuen schwarz-gelben Bundesinfektionsschutzgesetz wird nun ein Monitoring des Antibiotikaverbrauchs eingeführt — allerdings nur für den stationären Bereich. Die meisten unnötigen Antibiotikaverordnungen passieren aber im ambulanten Bereich. Das ist den schwarz-gelben Politikern in Berlin durchaus bewusst — davon gehe ich aus —, und dann stellt sich schon die Frage, ob hier Gemeinwohlinteressen Lobbyinteressen untergeordnet worden sind und man nicht wirklich will, dass der Antibiotikaverbrauch sinkt.

Der zweite Punkt: Nachlässigkeit, Resistenzen durch mangelnde Hygiene. Nach dem OP-Barometer von 2011 — veröffentlicht vor 14 Tagen — haben 90 % der 2 000 befragten OP- und Anästhesiepflegekräfte deutschlandweit beurteilt, dass die Versorgung mit Sterilgütern im OP mittelmäßig bis schlecht ist. Untersuchungen zeigen, dass 30 % dieser Krankenhausinfektionen und Todesfälle dadurch vermieden werden könnten, dass man die lnfektionshygiene verbessert.

Mit dem neuen Infektionsschutzgesetz werden die Hygienerichtlinien des Robert Koch-Instituts endlich verbindlich — das ist ein großer Fortschritt —‚ doch man muss fragen, inwiefern diese KRINKO-Empfehlungen umgesetzt werden können; denn die Kliniken haben natürlich zur Kostenkonsolidierung die Reinigungsdienste in Größenordnungen ausgegliedert und sind zum Teil nicht in der Lage, die Anordnungen des Hygienefachpersonals tatsächlich umzusetzen.

Hinzu kommt, dass wir einem großen Mangel an Hygienefachkräften entgegengehen. Von den 36 medizinischen Fakultäten in Deutschland haben nur noch elf einen Lehrstuhl für Hygiene. Auch in Dresden und Leipzig wurden beide
Lehrstühle aufgelöst. Sächsische Medizinstudenten können also keine Hygienevorlesungen mehr hören. Dies hat insbesondere Auswirkungen fÜr den öffentlichen Gesundheitsdienst, der die Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern
überwachen muss. Wer soll diese Aufgabe in den Gesundheitsämtern noch übernehmen? Sachsen hat noch 19 tätige Hygieniker, davon sind acht in den 13 Kreisen und kreisfreien Städten unterwegs; das heißt, noch nicht einmal jeder
Kreis hat einen im öffentlichen Gesundheitsdienst. Das ist für mich eine Katastrophe und dem müssen wir unbedingt entgegensteuern.

Der dritte Punkt: Fahrlässigkeit. Hier geht es um die Erzeugung von Resistenzen bei Antibiotika in der Tiermast; darauf wird mein Kollege Michael Weichert noch einmal intensiv eingehen, darin möchte ich mich jetzt nicht vertiefen.

Meine Damen und Herren, wir betreiben eine hochspezialisierte Medizin. Wir verpflanzen Organe, wir können Frühchen ab der 29. Woche retten und sind dabei, eine der wirksamsten Waffen, die die Medizin im Moment hat, durch unsere
Gedankenlosigkeit zu verlieren. Wir müssen uns diesem Thema stellen und vor allem das Problem beim Namen nennen. Da reicht es nicht aus, dass die „Sächsische Zeitung“ heute einen ganzseitigen Artikel über die Frühchenstation in Bremen macht, wo mehrere Frühchen gestorben sind, und auf der Seite kein einziges Mal das eigentliche Problem angesprochen wird, nämlich Antibiotikaresistenz. Deswegen sind die Frühchen gestorben.

Die Zahl der jährlich neu auf den Markt kommenden Antibiotika geht rapide zurück. Das hat etwas damit zu tun, dass es für die Firmen nicht lukrativ ist, in diesem Bereich zu forschen, da die Anwendungszeit aufgrund der Entwicklung von Resistenzen einfach sehr gering ist. Wir gehen einer riesengroßen Gefahr entgegen.

Im Moment haben wir 15 000 Tote aufgrund von Antibiotikaresistenzen. Wir müssen das Problem mehr auf die Agenda holen. Diese 15 000 entsprechen der Anzahl von Todesfällen durch bösartige Mammakarzinome. Wir machen große Brustkrebsprogramme, auch in diesem Land, und wir sollten in Bezug auf Antibiotikaresistenzen genau solche Programme auflegen. Vielen Dank.

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