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Rede | 19.06.13

Gislea Kallenbach: Der Zustand der Wälder blieb 2012 auf ähnlich stark geschädigtem Niveau wie im Jahr davor

Redebeitrag der Abgeordneten Gislea Kallenbach zum "Waldzustandsbericht 2012", (Drs. 5/11851), 78. Sitzung des 5. Sächsischen Landtags, 19. Juni, TOP 11


- Es gilt das gesprochene Wort -

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Herr Professor Gillo, sie sind engagiert, ehrlich und unbequem. Vielen Dank für Ihren Einsatz!

Staatsminister Kupfer stellte den jährlichen Waldzustandsbericht im Dezember 2012 mit den Worten vor: "Sachsens Wälder werden immer vielfältiger und vitaler. Der Anteil gesunder Bäume hat sich im Vergleich zum vergangenen Jahr nicht verändert, seit 2008 liegt er auf einem hohen Niveau".
Das klingt nach: Das Glas ist halb voll.
Diesen Optimismus des Ministers kann die GRÜNE Fraktion nicht teilen, weil man leider auch sagen kann:
Der Zustand der Wälder blieb 2012 auf ähnlich stark geschädigtem Niveau wie im Jahr davor.
Die Fichte, die in Sachsen mit rund 34 Prozent den größten Anteil einnimmt, ist in den Mittelgebirgslagen noch immer überrepräsentiert. Die stark geschädigten Bäume verzeichneten einen leichten Rückgang um 1 Prozent auf 15 Prozent, jedoch erhöhte sich der Anteil der schwach geschädigten Bäume von 32 Prozent auf 40 Prozent.
Mit nur knapp einem Drittel stellen die Laubbäume weiterhin einen unverhältnismäßigen geringen  Anteil in Sachsen dar. Die großen Schädigungen der Eiche blieben im Vergleich zum Vorjahr auf gleichem Niveau: 43 Prozent wurden als deutlich geschädigt und 41 Prozent als schwach geschädigt eingeschätzt.
Ähnlich sieht es bei den Buchenwäldern aus, deren Verbreitungsgebiet sich im weltweiten Vergleich  auf Mitteleuropa konzentriert.
Damit hat Deutschland und Sachsen eine große Verantwortung. Diese fordert auch die sogenannte Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU, die die Buchen-(Misch-) Wälder als "Lebensräume von gemeinschaftlichen Interesse" listet.
Allerdings geht es ausgerechnet den Buchen in Sachsen richtig schlecht. Ihnen Herr Kupfer müsste beim Lesen Ihres Waldzustandsberichtes das optimistische Lächeln eigentlich vergehen. Mit 36 Prozent "deutlichen Schäden" und 42 Prozent schwach geschädigten Individuen sind die Buchen seit 2 Jahren krank wie noch nie, seit es in Sachsen Waldschadenserhebungen gibt.
Nicht viel besser steht es um die "potentiell-natürlichen" Hauptbaumarten der Gebiete Sachsens, in denen es für die Buche zu trocken (teilweise auch zu nass) ist: Trauben- und Stieleiche.

43 Prozent weist hier der Waldzustandsbericht als "deutlich geschädigt" aus, das sind 7 Prozentpunkte mehr als 2010 und 10 Prozent mehr als der Durchschnitt der letzten zehn Jahre.
Generell gilt:
Reinbestände von Nadelhölzern bergen erhebliche Risiken, zumal auf all den Standorten, an denen die Natur für Fichten und Kiefern allenfalls eine Nebenrolle als Mischbaumarten vorgesehen hat. "Schädlinge" aller Art finden hier beste Chancen zu Massenvermehrungen, wenn die Bedingungen für sie günstig sind. Immer noch und immer mehr drängt der Umbau der Nadelholz-Monokulturen zu standortgerechten Wäldern, die - entsprechend der "Potentiell-Natürlichen Vegetation" - zu einem großen Teil aus Laubhölzern bestehen sollen. Auf knapp der Hälfte der sächsischen Landesfläche würden von Natur aus Buchenmischwälder wachsen.

Es gibt also viele gute Gründe, am "ökologischen Waldumbau" festzuhalten, den sich der Freistaat seit langem auf die Fahnen geschrieben hat.  Dennoch wachsen immer noch auf der Hälfte der rund 200.000 Hektar Landeswald Fichten in Monokultur.  Diese sind besonders anfällig gegen Trockenheit und Schädlingsbefall. Die Waldumbaufläche liegt bei nur rund 1.500 Hektar pro Jahr. Geht es in dem Tempo weiter, braucht es noch 100 Jahre, um den Wald für den Klimawandel fit zu machen.

Im EU-Report der deutschen Rechnungshöfe 2012 von Januar 2013 üben die Rechnungsprüfer deutliche Kritik an der Verwaltung und Kontrolle von EU-Ausgaben in Sachsen. Dem Freistaat wird nahegelegt, das Förderprogramm zur Erstaufforstung mangels Effizienz einzustellen.
Grund für die Kritik: Das Ziel eines 30-prozentigen Waldanteils an der Landesfläche wurde trotz 17 Jahren Förderung der Aufforstung nicht annähernd erreicht. Ganze 0,7 Prozent Waldwachstum hat der Freistaat im Zeitraum 1991 bis 2008 mit fast 29 Millionen Euro bezahlt. Weitere 11,2 Millionen Euro sind für die Folgejahre bereits gebunden. Da Umweltminister Kupfer beschlossen hat, dass das 30 Prozent -Ziel mittelfristig nicht mehr erreichbar sei, hat er einfach die Umsetzung bis zum Jahr 2050 verlängert. Das bedeutet, dass nur 750 Hektar jährlich an Waldfläche in Sachsen dazukommen sollen. Das ist so viel Fläche, wie in Sachsen allein in drei Monaten neu versiegelt wird.

Die EU-Prüfer haben in über 40 Prozent der untersuchten Förderfälle festgestellt, dass die aufgeforsteten Baumarten nicht oder nur teilweise vorhanden waren.
Wir als Grüne wollen keineswegs, dass nicht aufgeforstet wird. Im Gegenteil. Wälder verdunsten im Vergleich zu Grünland oder Acker deutlich mehr Wasser. Deshalb entsteht bei gleichem Niederschlag insgesamt weniger Abfluss. Die stärkere Durchwurzelung und auch die meist größere Wurzeltiefe im Bereich von Mischwäldern sorgen während der Vegetationsperiode für eine größere Ausschöpfung der Bodenfeuchte durch die Verdunstung. Damit wird gleichzeitig ein hohes Bodenwasser-Speichervolumen geschaffen, das Starkniederschläge wirksam puffert und damit hochwasserschutzrelevant ist.
Allerdings muss das Ministerium die Fördermittelverwendung strenger kontrollieren.  Minister  Kupfer (CDU) muss Fördermittel zurückfordern, wenn Geld kassiert wurde, aber keine Bäume gepflanzt bzw. nicht ausreichend gepflegt wurden.

Noch ein Hinweis zum Schneckentempo der Waldmehrung:

Seit dem Jahr 2000 ist die Siedlungs- und Verkehrsfläche um über 10 Prozent gestiegen. Jede Erweiterung von Braunkohletagebauen, jede neue Straße, Infrastruktur-, Gewerbe- und Industrieansiedlungen fressen Fläche – ein großer Teil davon sind Waldflächen.

Wenn man versucht, mit der einen Hand etwas aufzubauen, darf man es nicht mit der anderen wieder einreißen - das ist das Dilemma des mangelnden Waldwachstums in Sachsen.

Ein Wort zu den Stoffeinträgen in unsere heimischen Wälder:
Luftschadstoffe, vor allem die Einträge von Stickstoffverbindungen, sind aus meiner Sicht die entscheidenden Ursachen für die Schädigungen im Waldbestand.

Die beiden größten Verschmutzer sind dabei die Landwirtschaft und der Autoverkehr. Die Landwirtschaft ist mit ihren vor allem aus der Tierproduktion stammenden Ammoniakausgasungen aus Gülle und Stallmist durch die Dünge-Einsätze mitverantwortlich.
Im Detail waren die Einträge über Ammonium- und Nitratstickstoff so hoch, dass sie an den Messpunkten die kritische Belastungsgrenze um 10 bis 20 kg / ha überschritten. Diese Grenze, auch Critical Load genannt, wurde nach Festlegungen der Economic Commission for Europe (UNECE) (Konvention für weitreichende, grenzüberschreitende Luftverunreinigungen (CLRTAP)) berechnet.

Beim Straßenverkehr trägt vor allem der Schwerlastverkehr zu einer Stickoxidbelastung aus den Auspuffrohren bei.
Der Verkehrsbereich konnte 2012 erneut zu keiner Verringerung der Emissionen beitragen. Der zunehmende LKW-Verkehr und die einseitig auf Straßenneubau orientierte Politik in Sachsen konterkarieren die Anstrengungen, eine Verbesserung der natürlichen, regionalen Lebensgrundlagen langfristig zu erreichen. Die Abgase des Fahrzeugverkehrs schädigen die Wälder, auch indem sie im Sommer – vor allem in den Gebirgslagen - hohe Ozonkonzentrationen entstehen lassen. Ozon ist farb- und geruchlos und steht deshalb kaum im öffentlichen Fokus. Aber es wirkt als starkes Oxydationsmittel, dass sowohl in den Lungenbläschen der Menschen, als auch in den Spaltöffnungen von Baumblättern, chemische Reaktionen verursachen, die zu Gesundheitsschäden führen.

Meine Damen und Herren, seitdem ich im Landtag bin warte ich darauf, dass das jährliche Vorstellungsritual unterbrochen wird und die Staatsregierung endlich deutlich die Verursacher der Waldschäden benennt. Nach einer solchen Analyse wäre es höchste Zeit für eine abgestimmte Verkehrs- und Landwirtschaftspolitik. Noch hätten Sie die Möglichkeit den sächsischen Landesentwicklungsplan dahingehend zu überarbeiten.

Ich befürchte allerdings, dass dies mit dieser CDU/FDP-Koalition in Sachsen, die auf Straßenneubau und Massentierhaltung setzt, wohl nur Wunschdenken bleibt.


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