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Rede | 24.05.19

Aktuelle Debatte Artensterben – Günther: Es geht um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, nicht um eine Aufgabe nur für wenige Naturschützer!

Redebeitrag des Abgeordneten Wolfram Günther zur Aktuellen Debatte zum Thema:
" Froschlöffel und Kratzdistel, Hochmoor-Gelbling und Wildkatze retten - die Warnung des Weltbiodiversitätsrates gilt auch für Sachsen"
93. Sitzung des 6. Sächsischen Landtags, Freitag, 24. Mai, TOP 2

- Es gilt das gesprochene Wort -



Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

Sehr geehrte Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,

mit der Warnung des Weltdiversitätsrates kommen ganz kleine mit ganz großen Dingen zusammen. Viele kleine Dinge kommen zu einer ganz großen Sache zusammen.

2008 hatten wir eine große Bankenkrise. „Too big to fail“, das war damals das Stichwort, als es um die Systemrelevanz von Bankenhäusern ging. Banken mussten gerettet werden, um das Bankensystem insgesamt nicht zum Einstürzen zu bringen. Weltweit sind Milliarden Euro für Banken geflossen, um die Bankenkrise zu beheben.

Wir haben zwei große ökologischen Krisen: Das Artensterben ist die eine große ökologische Krise, die Klimakrise ist die zweite ökologische Krise unserer Zeit. Für uns GRÜNE stellt sich die Frage: Was ist uns die Krise des Artensterbens wert?

Der Biodiversitätsrat hat in den letzten Tagen uns nochmal deutlich vor Augen geführt: Von 8 Millionen Arten werden 1 Million Arten verschwinden. Die Frage ist: Wann kommt der Kipppunkt? Denn mit dem Verschwinden von immer mehr Arten verschwinden auch immer mehr Nahrungsketten.

Was betrifft uns das in Sachsen? Man muss sich nur die Listen des Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie anschauen: Bei den Brutvögeln sind mehr als ein Drittel gefährdet und haben lediglich die Hälfte keinen Gefährdungsstatus. Bei den Tagfaltern sind ein Fünftel der Arten vom Aussterben bedroht und gerade mal ein Viertel ungefährdet. Bei den Lurchen haben gerade mal ein Drittel der Arten keinen Gefährdungsstatus. Bei den Säugetieren sind 40 Prozent der Arten gefährdet, bei den Farm- und Samenpflanzen sind gerade mal ein Drittel der Arten ungefährdet.
Man könnte diese Liste noch lange fortsetzen.

Es gibt auch eine ganze Reihe von ausgestorbenen Arten hier in Sachsen: Zum Beispiel das Auerhuhn, hier hatten wir 1997 die letzte Brut. Oder denken Sie an die Großtrappe, wir haben von ihr 1994 den letzten Nachweis. Oder auch den Großen Brachvogel, 1999 war das letzte Revier in Sachsen. Und denken Sie bei den Wirbeltieren an den Gartenschläfer, hier gab es 2006 den letzten Nachweis.

Oder denken Sie an die Pflanzenarten, die jetzt vom Artensterben bedroht sind: an die Weiß-Tanne, den Grasblättriger Froschlöffel, das Sommer-Adonisröschen, gleich drei Eisenhut-Arten, vier Glockenblumen-Arten, 14 Seggen-Arten und viele mehr. Auch der Feldhamster und Wildkatze sind jetzt auf der Gefährdungsliste-

„Too big to fail“ – Wann wird der Punkt erreicht sein, bei dem wir endlich aktiv in die Artenvielfalt investieren?

Es ist unsere tiefe Überzeugung, dass das Thema Artenschutz eine gemeinsame, eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Es ist eben keine Aufgabe, die von einigen wenigen Naturschützern betrieben werden sollte, sondern politisch von allen Parteien getragen werden sollte. Das ist auch der Grund, weshalb wir GRÜNE eine Aktuelle Debatte und eben keinen Antrag aufgesetzt haben.

Deswegen war ich auch sehr erstaunt über Ihre Ausführungen, Herr Hippold. Was ist an den Feststellungen des Weltbiodiversitätsrates populistisch? Und inzwischen wird es auch langweilig, sich als CDU jedes Mal hier hinzustellen und zu sagen: „Wir machen doch was!“

Die Tendenzen beim Artensterben sind dramatisch und gehen nach unten und nicht nach oben. Es geht in Sachsen auch um komplette Lebensräume, auch um europäisch geschützte Lebensräume.

Zum Beispiel wurde in der Harthholzaue, ein ganzer Lebensraumtyp in Leipzig, der Leipziger Auwald, mit der Fällung von tausenden Bäumen gefällt. Gesamte Lebensräume werden noch immer in Sachsen zerstört. Damit wird der Raum für Arten zerstört.

Es geht um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die sektorenübergreifend angegangen werden muss.

Die Hinweise des Weltdiversitätsrates sind eindeutig: Wir müssen die Ziele des Klimaschutzes mit den Zielen des Artenschutzes zusammenbringen. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Insofern kann ich die Anwürfe von der rechten Seite dieses Hauses nicht nachvollziehen.

Es geht um eine sektorenübergreifende Aufgabe: Es geht beispielsweise um die Extensivierung von Flächen, es geht um einen strategischen Humusaufbau.

Sie sehen, es geht beim Artenschutz um eine gemeinsame Aufgabe zusammen mit der Gesellschaft, nicht um ein Entweder-Oder.

Wir müssen einen gemeinsamen Handlungsrahmen  schaffen. Ich sage ich auch deutlich: Ja, es gab einzelne Schutzprogramme wie für das Birkhuhn im Erzgebirge, für den Schwarzstorch und für den Lachs. Aber eben kein Programm, das den Artenschutz insgesamt in den Blick nimmt.

Der Weltbiodiversitätsrat hat einen dringenden Aufruf zu Handeln verfasst. Folgen wir dem als Politik endlich: Wir haben hier in Sachsen kein Erkenntnisproblem, sondern ein Handlungsproblem.

Vielen Dank.

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