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Rede | 09.11.16

GRÜNEN-Antrag zu Wildbienen - Günther: Ein Drittel der landwirtschaftlichen Erzeugung ist von der Leistung der Bienen abhängig

Redebausteine des Abgeordneten Wolfram Günther zum GRÜNEN-Antrag:
"Wildbienen wirksam schützen, Tracht und Lebensräume schaffen und erhalten sowie den Einsatz bienengefährlicher Mittel reduzieren" (Drs 6/6482)
43. Sitzung des 6. Sächsischen Landtags, 9. November 2016, TOP 10


- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

nachdem wir jetzt eine ganze Weile über die sozialen Grundlagen unserer Gesellschaft gesprochen haben, kommen wir jetzt einmal wieder zu den natürlichen Grundlagen unseres Lebens. Da spielen die Bienen eine sehr, sehr große Rolle.

Zunächst einmal eine grobe Zahl: Ein Drittel der Erträge in der Landwirtschaft verdanken wir den Bienen. Wenn das Drittel weg wäre, würde das gar nicht so gut aussehen für uns bei der Ernährungslage.
Was ist das erste, woran man denkt? Natürlich an die Bienen als Bestäuber. Es gibt ganz verschiedene Bereiche, zum Beispiel Kernobst, etwa Äpfel. 45 Prozent des Ertrages gehen auf die Bestäuberleistung der Biene zurück. Erdbeeren, Kirschen, Birnen - ich will Ihnen jetzt nicht die ganzen Zahlen vorlesen, aber große Teile der Landwirtschaft würden ohne die Bienen schlichtweg nicht funktionieren.

Das, was wir bei den Kulturpflanzen haben, haben wir natürlich auch bei den Wildpflanzen. Nur erhebt das dort keiner. Wir haben heute schon ein Problem mit der Biodiversität, mit unserem Artenerhalt, unseren auch originären Lebensgrundlagen, als es um Flächenmaßnahmen ging. Da spielen sie eine unglaubliche Rolle.

Sie spielen auch weiter eine Rolle bei der Abwehr von Schadinsekten. Hier kommen die hohen Zahlen für die Landwirtschaft zusammen. Und sie selbst sind wieder Nahrungsgrundlage, wieder im großen Kreislauf - also Biodiversität.

Obwohl sie so wichtig sind, stellen wir fest, dass die Wildbienen extrem gefährdet sind, und zwar bundesweit. Die Hälfte aller Arten sind im Bestand gefährdet. In Sachsen sind es von den über 400 verschiedenen Bienenarten über 70 Prozent. Das ist eine der höchsten Zahlen, die es auf der Roten Liste gibt. Das ist tatsächlich dramatisch, und die Artengruppen, die es noch gibt, sind teilweise auch in ihrem
Bestand der Individuen schon um 95 Prozent reduziert.
Es gibt manche Fachleute, die davon ausgehen, dass wir in bestimmten Regionen bei uns darauf zusteuern, dass es bald schlichtweg keine mehr gibt, mit all den Folgen, zum Beispiel für die Landwirtschaft.

Woran liegt es? Den Bienen fehlt es zunehmend an Lebensraum. Hier haben wir das Problem, dass die verschiedenen Arten - so verschieden wie sie sind - auch so hoch spezialisiert auf ihre Lebensräume sind. Manche leben im Boden, manche leben darüber, nisten sich in Substraten ein oder in Pflanzenresten.
Es geht um die Nahrungsgrundlage. Sie brauchen das ganze Jahr über Nahrung. Wenn sie Nachwuchs haben, brauchen sie ausreichend Pollen. Es gibt bestimmte Arten, die gehen nur auf ganz bestimmte Pflanzen. Andere haben wiederum ein breiteres Spektrum.

Wenn das alles nicht gegeben ist - das ist offensichtlich so -‚ in der Landwirtschaft, in der intensiven Flächennutzung, dann gehen die Bestände zurück. Deshalb haben wir Handlungsbedarf, aber auch für die Landwirtschaft selbst, weil sie nicht nur zu vielen Gefährdungen führt - so wie sie heute produziert -‚ sondern weil sie gleichzeitig ihren eigenen Nutzen damit konterkariert.

Wir haben neben den Lebensräumen und dem, was an Nahrungsangeboten da ist, was verschwunden ist an Feldrändern, an Gehölzen, an Stoppeln, die stehenbleiben, auch das große Problem des Einsatzes von Neonicotinoiden. Das ist ein Nervengift und hoch toxisch. Mittlerweile mehren sich auch die Studien, die die Wirkung von diesen Neonicotinoiden untersuchen. Es gibt eine Menge Stoffe, die eingesetzt
werden, und da steht dann manchmal drin - es gibt bei der Bienenfreundlichkeit verschiedene Stufen von B1 bis B4. B1 ist tödlich, und B4 ist bienenfreundlich. Da muss man sich fragen, warum die Bestände so dramatisch zurückgehen, wenn alles fachgerecht eingesetzt wird.

Das hängt mit dem Zulassungsverfahren zusammen. Da spielt man mit solchen Zahlen wie LD50, das ist die letale Dosis. Der Stoff wird direkt unter Laborbedingungen eingesetzt. Wenn 50 Prozent der Individuen gleich tot sind, dann ist es LD50. Das heißt im Zulassungsverfahren, dass es nicht so gefährlich ist, weil 50 Prozent übrig bleiben. Nicht tot heißt aber nicht unbedingt gesund. Nervengift führt dazu - das weiß man bei Bienen -‚ dass sie ihr Orientierungsvermögen verlieren und nicht mehr nach Hause kommen. Das stellen auch die Imker bei den Honigbienen fest. Aber das ist bei Wildbienen genau dasselbe Problem.

Sie lächeln, aber es ist kein Spaß. Ich hatte es bereits gesagt: Ein Drittel der landwirtschaftlichen Erzeugung ist von deren Leistung abhängig. Das bekommen wir von der Natur praktisch geschenkt. Wir müssen dafür sorgen, dass es erhalten bleibt.

Genau aus diesem Grund haben wir den Antrag eingebracht. Wir wissen, dass es schon Bemühungen gibt, auch seitens der Staatsregierung, einiges zu tun. Aber wie die Zahlen zeigen, reicht es ganz offensichtlich nicht aus.
Unser Ziel ist es, auch da mit den Flächennutzern gemeinsam zurande zu kommen. Wenn Sie den Antrag lesen, werden Sie das sehen. Wir wollen mit der Landwirtschaft und dem Betrieb der Landwirtschaft gemeinsam dazu kommen, dass alles deutlich bienenfreundlicher wird, um uns diese lebensnotwendigen Leistungen der Bienen zu erhalten. Ich bitte Sie jetzt schon um Zustimmung unseres Antrags, freue mich aber auch auf Ihre Beiträge.

[...]

Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

die drei Minuten werden wir jetzt noch schaffen. Es sind ja ein paar
Anwürfe gekommen, zum Beispiel, was schon alles passiert ist, die
Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen, das Greening und wie die Landwirte dabei sind.

Aber dummerweise liegt genau darin oft das Problem. Blühflächen werden geschaffen, und wenn die Bienen gerade dort sind, um sich einzunisten, werden diese Blühflächen einfach umgelegt. Sie werden gemäht. Auf vielen Flächen ist dreimal im Jahr Mahd. Da sprechen viele Bienenkundler von ausgesprochenen Todesfallen. Man lockt sie erst an, gaukelt ihnen vor, dass dort ihr Lebensraum ist, und dann ist er dort gar nicht. Wenn dann noch der Boden umgebrochen wird - es
gibt ganz spezielle Lebensraumansprüche, manche leben genau im Boden oder in der obersten Schicht -‚ dann ist es der Tod für diese Arten. Also, das ist ein Riesenproblem.

Herr Kollege von Breitenbuch, Sie sagen, für manche Sachen ist der Bund zuständig. Die Nr. 3 unseres Antrages geht genau in diese Richtung, dass sich der Freistaat beim Bund einsetzt. Das haben wir also mit beachtet.

Es kam auch der Hinweis auf die Flächenverfügbarkeit. Bei Wildbienen ist es oft so, dass das, was sie brauchen, auch sehr kleinflächig funktioniert. Man kann einen Riesenhebel entwickeln, wenn man ganz punktuell, an bestimmten Stellen, etwas macht. Der Nutzen für den Landwirt ist oft viel, viel größer, als das, was er vielleicht an kleinen Flächenverlusten hat oder was vielleicht bloß eine andere Bewirtschaftungsform ist. Viele Dinge müssen gar nicht aus der Bewirtschaftung herausgehen. Dafür gibt es sehr viele Möglichkeiten.

[...]

Die Frage ist doch nach der Verhältnismäßigkeit.
Natürlich hat das auch - ich betone: auch - etwas damit zu tun. Erstens gibt es, seitdem Landwirtschaft betrieben wird, schon immer Energiepflanzenanbau. Früher hat man ein Drittel seiner Ackerflächen einfach etwa für den Hafer für das Pferd und andere Dinge genutzt. Das ist etwas völlig Normales. Dass man nicht nur Lebensmittel anbaut, ist in der Landwirtschaft relativ normal. Das war schon immer so. Wir haben ein Problem mit riesigen Schlägen, wo Monokulturen sind.

[...]

Ich möchte Sie darauf hinweisen: In der Resolution zum Schutz der
mitteleuropäischen Insektenfauna, insbesondere der Wildbienen, ist sehr viel Fachliches drin, auch Verweise. Sie können ja noch einmal überprüfen, ob vielleicht die Studien, die die Pflanzenschutzmiftelindustrie aufgestellt hat, so viel besser sind.

 

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