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Beschleunigen neuartige Insektizide das Bienensterben?

Grüne Fraktion Sachsen Günther Bienesterben Rochlitz 2016
Großes Interesse an der Podumsdiskussion in Rochlitz zum Thema Bienensterben. Auf dem Podium (v.re.n.li.): Wolfram Günther, Henry Seifert, Dr. Matthias Nuß

Am 20. Mai 2016 kamen etwa 30 Gäste in das Schloss Rochlitz, um über die Gefährdung der Bienen zu diskutierten.
Nach der Begrüßung durch Wolfram Günther, umweltpolitischer Sprecher der GRÜNEN- Landtagsfraktion, referierte Dr. Matthias Nuß über die Gefahren des prophylaktischen Einsatzes der hochgiftigen Insektizide der Wirkstoffgruppe der Neonikotinoide, z. B. per Saatgutbeizung, und deren verheerende Wirkung auf die Insektenfauna – inklusive der Honigbienen. Er berichtete über die nicht erklärbare Vernichtung der Bienenvölker, bekannt als „Colony Collapse Disorder“.

Pestizide werden häufig in Kombination verwendet, die sich oft als toxischer als die Einzelpräperate erweisen. Bspw. werden Insektizide mit Fungiziden kombiniert. Außerdem befinden sich diese Fungizide nach der Applikation auf den Pollen, die die Bienen in das Volk eintragen. Der Pollen kann aufgrund der Fungizidbelastung nicht zufriedenstellend fermentieren, woraus sich eine ungenügende Versorgung der Nachzucht im Bienenvolk ergibt.
Auch bei anderen Tierarten sind Schädigungen nachgewiesen worden. Zum Beispiel ist in den Niederlanden ein negativer Trend bei Singvögeln bei hoher Imidacloprid-Konzentration in Gewässern zu verzeichnen, da Singvögel Insekten zur Brutaufzucht benötigen.

Für Deutschland sind derzeit Teilverbote ausgesprochen. Dennoch wurden 2014 deutschlandweit 206 t der Neonikotinoide Acetamiprid, Clothianidin, Imidacloprid, Thiacloprid und Thiamethoxam in der Landwirtschaft und 1,6 t davon in der privaten Nutzung verwendet.

Das Ziel sollte sein, anstatt Verbote auszusprechen – und die Probleme damit auf andere Mittel zu verlagern – insgesamt eine Pestizidreduktion herbeizuführen, damit in der Summe weniger Chemie verwendet wird. Pestizide dürften nur als „ultima ratio“ eingesetzt werden.
Vorher müsste ermittelt werden, ob und ab wann eine Schädlingspopulation überschritten wird. Pestizide sollten grundsätzlich nicht in blühende Kulturen gespritzt sowie in in Schutzgebieten verwendet werden und auch für private Verwender sollte ein Sachkundenachweis verpflichtend sein.

Anschließend kam der Imker und Bienensachverständige Henry Seifert zu Wort. Er schilderte in Wort und Bild die Auswirkungen auf die Bienenhaltung und die Abfolge bei einem Bienenschadensfall. Er berichtete von sogenannten „Wiesenkrabblern“ nach einer Rapsspritzung im Mai 2015 und zeigte Bienen, die trotz intakter Flügel nicht mehr über die Koordination verfügen, zum Stock zu fliegen. Weiterhin erläuterte er den Tod „in der 2. Dimension“, wenn die Bienen nicht mehr in den Stock gelassen werden, weil sie nach Kontakt mit Pestiziden anders riechen und von den Stockgenossinnen vertrieben oder getötet werden.

Typische Anzeichen bei tödlichen Vergiftungen von Bienen sind ein ausgestreckter Rüssel und krumme Körperhaltung bei augenscheinlich gesundem Aussehen, beschrieb der Bienensachverständige seine Erfahrungen. Er führte aus, dass bereits der pure Kontakt der Bienen mit dem Pestizid-Spritznebel Schäden hervorruft, weil die Bienen die fein zerstäubten Tropfen nicht aus dem Fell kehren können oder sogar das Spritzmittel in die Tracheen bekommen können.
Außerdem kritisierte er die in der Forschung übliche Verwendung der letalen Dosis 50 (LD50), die an der Praxis vorbei gehen würden. Diese LD50-Studien sind für eine Mitteleinstufung als bienenungefährlich (B4) nicht hinnehmbar. Bspw. befindet sich auf dem Etikett bei Biscaya (das normalerweise im Raps eingesetzt wird) der Hinweis, dass es Bienen nicht schädigt, liest man aber weiter, kommt der Hinweis auf Schädigung von Bestäuberinsekten.

In der anschließenden Diskussion kam im Publikum die Kritik, dass häufig vergessen wird, dass wir mit den Kleinlebewesen auch die Lebensgrundlage weiterer Arten in der Nahrungskette und letztlich auch die von uns Menschen vernichten. Außerdem wurde über die Erhöhung der Grenzwerte der Rückstände im Honig diskutiert, die Einhaltung der landwirtschaftlichen guten Praxis in Frage gestellt und anhand von Beispielen die Grenzen und Alternativen in der Landwirtschaft ausgelotet.
Kontrovers wurden die Zwänge von Landwirten beleuchtet, die dazu geführt haben, dass der Einsatz von Ackergiften insgesamt für viele Betriebe heute unhinterfragter Standard geworden ist. Von anwesenden Landwirten wurde vorgetragen, wie es auch ohne geht, aber mit welchen Schwierigkeiten das im aktuellen System von Abnehmern und Förderung verbunden ist. Die Schwierigkeiten sind eher weniger in der Machbarkeit selbst als im gegenwärtigen Landwirtschaftssytem zu sehen.

Der Ökolandbau kann als Vorbild wirken, ist sich Wolfram Günther sicher. Bei der weiteren politischen Diskussion sollte es daher auch nicht allein um die Gefährlichkeit einzelner Stoffe gehen, so der Abgeordnete. Die Landwirtschaft muss ganz allgemein in die Lage versetzt werden, die ausgebrachten Mengen von Ackergiften, aber auch minderalischen Düngern insgesamt zu verringern.

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