Zum Inhalt springen
Bildung | 08.04.19

Das Problem heißt Rassismus

Im Januar 2019 wurde der GRÜNEN-Fraktion bekannt, dass an sächsischen Schulen offenkundig immer noch rassistisches Lehrmaterial zum Einsatz kommt. Im Biologieunterricht einer 10. Klasse einer sächsischen Oberschule wurde sog. "Rassenlehre des Menschen" unterrichtet und anhand der Materialien verschiedene "Rassenkreise" ausgewiesen, denen von den Schülerinnen und Schülern typische Hautfarben, Haar-, Nasen- und Gesichtsformen zugeordnet werden mussten.

Das Medienecho zu dem Vorfall war enorm.

» SPIEGEL Online (23.01.2019)

» Freie Presse (22.01.2019)

» MDR Online (22.01.2019)

Die Reaktionen, die die GRÜNE-Fraktion daraufhin erreichten, waren sehr unterschiedlich. Einerseits wurde zugestimmt, dass es hier ein Problem gibt und Lehrpläne und Schulbücher besser geprüft werden müssen. Es meldeten sich weitere Eltern, die ähnliche Fälle aus Schulen deutschlandweit schilderten. Das zeigt, dies ist kein Einzelfall! Andererseits wurde der Vorfall verharmlost, das sei nicht so schlimm und das Wort "Rasse" werde schließlich auch im Grundgesetz verwendet. Indem man das Wort streichen würde, sei das Problem Rassismus nicht erledigt.

Das ist für die GRÜNE-Fraktion ein Grund, das Thema Rassismus erneut aufzugreifen. Rassismus hat in der Bildung und anderswo nichts zu suchen. Dafür setzt sich die GRÜNE-Fraktion im Sächsischen Landtag ein. Wir stehen für mehr Vielfalt und Toleranz!

GRÜNE-Initiativen im Sächsischen Landtag

Aufgrund des Vorfalls fragte GRÜNE-Fraktion bei der Sächsischen Staatsregierung an. Das Kultusministerium verwies in seiner Antwort Anfang Januar darauf, dass es die Inhalte des betreffenden Themenheftes nicht unterstütze und dass der Begriff „Menschenrasse“ bereits 2004 aus dem Lehrplan gestrichen wurde. Andere Handlungsoptionen sähe es für sich nicht. Letztendlich wurde das Schulmaterial aus dem Verkehr gezogen, nachdem der Vorfall durch die GRÜNE-Anfrage bekannt wurde.

» Pressemitteilung "An sächsischen Schulen kommt offenkundig immer noch rassistisches Lehrmaterial zum Einsatz" (11. Januar 2019)

Dennoch: Weiterhin ist aktuell im Lehrplan Gymnasium Biologie Klassenstufe 10 von "Merkmale[n] von europiden, negriden und mongoliden Menschen" die Rede. Im Lehrplan Mittelschule Biologie findet man eine ähnliche Regelung. Auf eine erneute Anfrage der GRÜNEN-Fraktion hin teilte das Kultusministerium nun mit, diese werden bis August 2019 überarbeitet. Das ist 15 Jahre nachdem das Wort "Rasse" aus den Lehrplänen gestrichen wurde, reichlich spät und keine Bagatelle. Es reicht eben nicht aus, nur das Wort zu streichen, aber inhaltlich nichts zu ändern.

Doch auch in Gesetzestexten hat Rassismus nichts zu suchen. Bis heute wird das Wort "rassisch" leider in Sächsischen Gesetzestexten benutzt, zum Beispiel im Sächsischen Datenschutzgesetz oder bis April 2018 im Sächsischen Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz. Bereits im Februar 2016 hatte sich die GRÜNE-Landtagsfraktion mit einem Änderungsantrag dafür eingesetzt, dass das Wort in den Gesetzen gestrichen wird. Die Diskussion im Sächsischen Landtag dazu zeigt, wie schwierig es ist, dass Thema Rassismus aufzuzeigen. Der Vorwurf, man wolle den Begriff "Rasse […] in die rechte Ecke drängen" und der Begriff "Rasse […] sei in der Wissenschaft nicht unüblich" macht deutlich, wie versucht wird, Rassismus zu bagatellisieren und sich selbst zu rechtfertigen. Zwei Jahre nach dem GRÜNEN-Änderungsantrag wurde der Begriff "rassisch" aus dem Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz gestrichen. Im Sächsischen Datenschutzgesetz steht es immer noch drin.

» Pressemitteilung "21. März: Internationaler Tages gegen Rassismus − GRÜNE: Der Begriff 'Rasse' wird heute leider noch wie selbstverständlich auf Menschen angewendet" (20. März 2016)

Was ist Rassismus?

Obwohl es wissenschaftlich bewiesen ist, dass alle Menschen denselben Ursprung haben, ist leider weiterhin die Meinung verbreitet, es gäbe verschiedene "Rassen" von unterschiedlichen Werten. Schnell werden Kategorien gebildet. Die Hautfarbe oder andere äußere Merkmale als Grundlage dafür zu nehmen, verschiedene Gruppen zu definieren und aufgrund ihrer Hautfarbe zu diskriminieren, ist rassistisch. Seit Kolonialzeiten sind nicht-weiße Menschen oder Person/ people of Colour (poc) von Rassismus und Diskriminierung betroffen.

Bereits 1950 sprach sich die UNESCO gegen die Benutzung des Begriffes "Rasse" aus. In den Neunzigern empfahl auch das Europäische Parlament, den Begriff aus amtlichen Dokumenten zu streichen.

Warum steht das Wort „Rasse“ dann noch im Grundgesetz?

In Art 3 Abs. 3 Grundgesetz (GG) heißt es: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Das Verbot der Diskriminierung wegen "Rasse" wurde damals von den Gründern des Grundgesetzes explizit als Abgrenzung zur rassistischen Ideologie und monströsen Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus aufgenommen.

Zugegeben, das ist ein Widerspruch: Einerseits zielt Artikel 3 GG darauf ab, Rassismus zu bekämpfen. Andererseits weckt die Formulierung unweigerlich die Assoziation eines Menschenbildes, dass auf der Vorstellung unterschiedlicher menschlicher Rassen basiert.

Seit Mitte der 90er wird deshalb immer wieder diskutiert, den Begriff zu streichen. Das Deutsche Institut für Menschenrecht schlägt als alternative Formulierung für Art 3 GG vor "Niemand darf rassistisch (…) benachteiligt werden."

In Österreich, Schweden Finnland und zuletzt Frankreich wurde der Begriff bereits aus der Verfassung gestrichen. In der Bundesrepublik wurde dies zuletzt 2012 im Bundestag diskutiert, leider bisher erfolglos. Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern haben inzwischen ihre Landesverfassungen geändert. Auch in Sachsen setzt sich die GRÜNE-Fraktion dafür ein, dass der Begriff "Rasse" nicht in landesgesetzlichen Regelungen verwendet wird.

"So schlimm ist das doch nicht?"

Viele Begriffe und Bilder haben einen rassistischen Kontext und werden in Medien, Schulbüchern oder der Alltagssprache weitgehend unhinterfragt verwendet oder sogar verteidigt.

Oft folgt die Rechtfertigung den gleichen Mustern:

„Ich habe nicht gewusst, dass das Wort abwertend ist.“
„Das sagen doch alle! Früher haben wir das auch gesagt und das ist nicht rassistisch gemeint.“
„Das Wort ist nun mal ein historischer Begriff. Es gehört zu unserer Sprache.“
„Dieses Wort ist ja nicht „so wichtig“. Du weißt doch, wie ich das meine.“
„Was soll ich denn sonst sagen? Es gibt keinen anderen Begriff.“

Etwas nicht gewusst zu haben, ist kein Grund, am eigenen Verhalten festzuhalten. Leider ist das trotz der Kritik oft der Fall. Es ist auch irrelevant, wie man etwas persönlich oder individuell meint (oder nicht meint). Sprache ist geprägt durch gesellschaftliche und soziale Zusammenhänge. Relevant ist, was ankommt. Dass "alle" es schon immer so gemacht haben, ist logischerweise ebenso kein Rechtfertigungsargument. Für "historische Begriffe" gibt es in Deutschland sehr viele gute Beispiele, warum sie nicht mehr verwendet werden sollten.

Warum Rassismus in Schulbüchern keine Bagatelle ist?

Die Schule hat einen staatlichen Lehrauftrag, der staatlich legitimiert ist. Wenn in Schulbüchern Rassismen reproduziert werden, dann passiert das quasi in einem staatlich legitimierten Text. Es entsteht der Eindruck, das sei okay. Damit bleiben rassistische Vorannahmen weiterhin fest in unserer Gesellschaft verankert. Schule kommt daher eine besondere Rolle zu und es ist natürlich auch entscheidend, wie Inhalte vermittelt werden.

Weiterführende Links:

Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration: "Schulbuchstudie Migration und Integration", 2015

Bundeszentrale für politische Bildung: "Rassen gibts doch gar nicht"

Bundeszentrale für politische Bildung: "Rassismus"

Deutsche Institut für Menschenrechte: "Ein Grundgesetz ohne Rasse", 2010

Bücher

Rassismus, Die 101 wichtigsten Fragen, Susan Arndt, C.H. Beck Verlag

Exit Racism, Tupoka Ogette, Unrast Verlag

Rassismus – Die Erfindung von Menschenrassen, Deutsche Hygiene Museum, Wallstein

Politikfelder