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Sachsens Natur bewahren! - Biodiversitätstagung in Dresden

60 Naturschützerinnen und Naturschützer diskutierten über die neue Biodiversitätskonzeption

Gisela Kallenbach, umweltpolitische Sprecherin der GRÜNEN-Landtagsfraktion Sachsen, konnte am 22.3.2014 in Dresden 60 Menschen begrüßen, die zur Veranstaltung „Biodiversität in Sachsen“ gekommen waren und über die Biodiversitätskonzeption "Sachsens Natur bewahren!" zu diskutieren.

» Biodiversitätskonzeption "Sachsens Natur bewahren" - 2012 bis 2014 erarbeitet von 65 Naturschutzpraktikern in Sachsen (PDF, Hrsg. GRÜNE-Landtagsfraktion, Stand: März 2014)

Dr. Rolf Steffens beschrieb die Dimensionen von biologischer Vielfalt. Er zeigte die Notwendigkeit der Artenvielfalt, beispielsweise die Grundlage für Medikamente, die Lebensqualität, für stabile Stoffkreisläufe in der Biosphäre und die Vielfalt als Quelle sinnlicher Wahrnehmung. Er untermalte seinen Vortrag mit interessanten Fakten, so z. B. dass 5 Milliarden Lebewesen in einer Hand Gartenerde existieren oder dass die auf der Erde lebenden Ameisen mehr wiegen als die gesamte Menschheit.

Weltweit liege die Aussterberate der Arten um das 100- bis 1000-fache höher als die natürliche Aussterberate. In der Geschichte war es eher die Jagd und die Verfolgung direkt oder die Einbringung von Prädatoren, aber inzwischen hat die Gefahr des Lebensraumverlustes überholt. Ca. 60 % der Ökosysteme haben in den letzten Jahrzehnten Schäden genommen.

Aber die Biodiversität ist nicht nur in anderen Ländern gefährdet. So sind in Sachsen die Farn- und Samenpflanzen zu 36,3 % gefährdet und bereits 9,3 % ausgestorben, bei den Vögeln 35,7 % gefährdet und 6,6 % ausgestorben. Auch 56 % der Lebensräume sind gefährdet. Dagegen nehmen nur wenige Arten im Bestand zu. Das sind in der Regel indifferente Arten, die von milden Wintern und trockenwarmen Sommern profitieren.

Dr. Steffens erläuterte die aktuellen Rahmenbedingungen anhand der vorliegenden Strategien zur biologischen Vielfalt mit dem Kommentar: „Wir hätten wunderbare Voraussetzungen, wir müssen sie nur noch umsetzen.“ Abschließend gab er Einblick in die Situation und Anregungen zur Weiterentwicklung und „Rettung“ der Artenvielfalt in Sachsen für die einzelnen Lebensräume wie Wald, Agrarraum, Gewässer, Siedlung, Infrastruktur, gebäudebewohnende Tierarten. Wenn das Artensterben bis 2020 gestoppt werden soll, geht das nur in Zusammenarbeit mit der Politik.

Nach einer kurzen Nachfragerunde stellte Jens Weber (Grüne Liga Osterzgebirge) das Handbuch „Sachsens Natur bewahren! Eine Biodiversitätskonzeption“ als Handlungsanleitung für die Politik vor. Er erläuterte, aus welchen ethischen, ökologischen und anthropozentrischen Gründen die biologische Vielfalt relevant ist. Dem zunehmenden Verlust der Biodiversität folgen Klimawandel, Trinkwassermangel und Bodenvernichtung. Die biologische Vielfalt beinhaltet die genetische Vielfalt, die Artenvielfalt und die Biotopvielfalt. Bisher gibt es jede Menge Papier ohne Trendwende.
Ziel dieses Handbuches ist, eine Auswahl fundierter Forderungen für willige Politiker anzubieten.
Um Sachsens Natur zu bewahren, kann zum Beispiel ein landesweiter Biotopverbund helfen. Dieser müsste „von oben“ geplant werden für den Überblick und „von unten“ mithilfe der Ortskenntnis und den regionalen Details realisiert werden, mit integriertem dynamischen Biotopverbund. In einem landesweiten Netz von Naturschutzstationen würde Umweltbildung, auch für Erwachsene eine langfristige Wirkung erzielen. Denn Naturschutz ist Daseinsvorsorge! Die Naturschützer müssen aus ihrem Mauerblümchendasein herauskommen und politisch aktiv werden.

» Vortrag von Jens Weber als PDF

Anschließend diskutierte das Publikum bis zur und in der Mittagspause.

Der dritte Vortrag an diesem Samstag wurde durch Ulrich Klausnitzer bestritten.
Das im Vergleich eher praktisch veranlagte Thema „Biotope im Garten" stellte die Möglichkeiten dar, wie jeder im eigenen Umfeld aktiv werden kann, um die Artenvielfalt zu erhöhen. Sei es mit Totholzstrukturen, blumenreichen Wiesen, Trockenmauern, Ruderalfluren, Streuobstwiesen oder naturnahen Teichen. Er wies auf die durchaus unterschiedlichen Ansichten bezüglich Gartengestaltungen hin und wie hier Kompromisse im Sinne der Natur erreicht werden können.
Zu beachten sind die Artenwahl, der Standort, die Ästhetik, die Gestaltung, die Verwendung regionaler Arten und der Arbeitsaufwand. Es komme auf ein gutes Miteinander an zwischen den Landnutzern - Bewohner, Naturschützer, Landwirte. Müssen wir wieder lernen, was schön in der Natur ist? Wollen wir lieber die Thuja-Hecke und eine Grillecke oder eine Grillecke am Rande der Wildblumenwiese?

» Vortrag von Ulrich Klausnitzer als PDF

Im Anschluss an die Referate wurde ausgiebig und angeregt diskutiert.
Es wurden zum Beispiel die Verkehrssicherungspflicht, der Landesentwicklungsplan (LEP) und die Flächeninanspruchnahme von immer noch 8 ha pro Tag diskutiert sowie die geringe Rate der durchgeführten Eingriffs- und Ausgleichsmaßnahmen von nur etwa 30 %.

Die Priorität der praktischen Naturschutzarbeit wurde klar bestätigt. Der naturnahe Garten, die Naturschutzeinsätze, der Krötenzaun - alles ist als Grundlage wichtig, aber nicht wirksam, wenn ringsum Gift und Gülle ausgebracht wird.
Der Öffentlichkeitsarbeit muss nach wie vor großes Gewicht beigemessen werden, damit weiter ein Wertewandel stattfindet von aufgeräumter Kultur hin zu nachhaltigen Lebensräumen, um Totholz oder einen mäandrierenden Bach wieder als schön wahrzunehmen. Das ist aber bei den Entscheidern noch nicht angekommen! Für diese gemeinsame Aufgabe sind unter den Verbänden neue gemeinsame Ebenen nötig, die für die Naturschutzinteressen förderlich sind. Im LEP, wurde kritisiert, werden zuerst die Straßen festgelegt und wo genau diese entlang führen, aber der Naturschutz bleibt unklar und unverbindlich.
Die Verantwortlichkeit eines jeden wurde thematisiert, bezüglich des Verbraucherverhaltens beim Fleischkonsum und beim Ressourcenverbrauch. Es wurden ein Bericht zur Einschätzung der Erosion mit der Frage, wie lange in der Landwirtschaft die Nutzfläche noch da sei, sowie ein Landwirtschaftsgesetz als möglicher Hebel für die Belange des Naturschutzes mit naturschutzfachlicher Beratung der Betriebe vor Ort vorgeschlagen. Der Nutzung der Umwelt müssen Grenzen festgesetzt werden, inklusive einer Nachteilsforschung, um Verschlechterungen zeitig zu realisieren und zu beseitigen.

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