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Zwischen Leere und Aufbruch. Umbau Ost und demografischer Wandel

Die Veranstaltung am 2. Mai 2017 in Berlin beschäftigte sich mit einem der vielen Spannungsfelder im gegenwärtigen Osten Deutschlands und verortete sich zwischen Leere und Aufbruch. Der demografische Wandel wurde als prominenter Aspekt gesetzt.

Das Kurz-Statement von Franziska Schubert:

Ich komme aus der Oberlausitz, einer Region in Ostsachsen. Für mich waren nicht nur die Kindheitsjahre in der DDR prägend sondern vor allem die Jahre nach der Wende. Nach meinen Lehr- und Wanderjahren bin ich ganz bewusst in meine Heimatstadt zurückgezogen, die 30% ihrer Einwohnerschaft verloren hatte. Ein ausschlaggebender Beweggrund dafür war, dass mein Engagement nicht weggetreten wurde und ich die Möglichkeit erhielt, Ideen umzusetzen. Ich spreche vor allem aus der Perspektive ländlicher Räume, wo ich wieder verwurzelt bin nach jahrelanger Erfahrung großstädtischen Lebens. Wäre ich nicht zurückgegangen, hätte eine Politisierung meinerseits nie stattgefunden. Aber eigentlich kann man in Sachsen heutzutage nicht mehr unpolitisch sein. Ich bin Stadträtin, Kreisrätin und Abgeordnete des Sächsischen Landtags. Was es heißt, politisch zu sein in Ostdeutschland, in Sachsen, wäre ein Punkt, den ich gerne mit in die Diskussion hineintragen würde.

Ich möchte in meinem Kurzstatement, um das ich gebeten wurde, drei Gedanken und Verknüpfungen aufwerfen.

Punkt 1: Die Betrachtung von Zuwanderung und Rückwanderung

Das Wandern von Menschen ist kein Phänomen; es ist dem Menschen inhärent. Was wichtig ist für Ostdeutschland, ist die Betrachtung von Zuwanderung und Rückwanderung. Wer hat denn eigentlich die Deutungshoheit in lokalen Entscheidungsprozessen? Wie betrachtet man dieses Thema? Hier vermisse ich oft eine Verknüpfung zwischen gegenwärtigen Realitäten und immer wiederkehrenden Aussagen. Gebetsmühlenartig werden scheinbare Wahrheiten wiedergekäut, die dem Abgleich mit der derzeitigen Lange eigentlich nicht mehr standhalten. Wer ist es denn, der raus auf's Land zieht; der zurückgeht? Bzw. wer überlegt mit welchem Ergebnis? Hier geht es um Rahmenbedingungen für Rück- und Zuwanderung, die synchron verlaufen zu Wertschöpfungsprozessen. Der Traum vom großen Investor, der 500 Arbeitsplätze schaffen wird, ist m.E. nach schon vor Jahren ausgeträumt gewesen - zumindest in der ländlichen Region Ostsachsens, die ich seit Jahren begleite. Es wird nicht reflektiert, dass es neue Arbeitswelten gibt, für die ländliche Regionen in keinster Weise vorbeireitet sind. Es wird nicht reflektiert, dass man in Sachsen seit 10 Jahren vom Breitbandausbau redet - sich aber nur in klitzekleinen Schritten etwas bewegt. Menschen, die aufs Land ziehen wollen, mittlerweile unabhängig von ihrem Alter, brauchen als minimalste Rahmenbedingung schnelles Internet. Über Motivationen und Rahmenbedingungen bei der Gestaltung von Rück- und Zuwanderung würde ich darum heute Abend auch gern ins Gespräch kommen wollen.

Punkt 2: Das Gemeinwesen taucht im Ankündigungstext auf.

Hier ist mein Stichwort die Selbstorganisation in Zeiten des Wandels. Kreative Lösungsansätze, um abbauende Strukturen aufzufangen oder ihnen mit dem zu begegnen, was eben noch da ist. Hier reden wir auch von der Veränderung von Netzwerken. Von Vertrauen und Solidarität von Menschen unter- und zueinander. Ressourcen und Regeln spielen hier eine entscheidende Rolle: wer entscheidet, wie wird Demokratie gelebt und verstanden, wo kommt das Geld her. Über die Rolle von unabhängigem Geld für die Umbruchsprozesse auf dem Gebiet der ehemaligen DDR würde ich heute Abend gern sprechen.

Punkt 3: Was kann gelernt werden aus den Erfahrungen des Ostens?

Es soll nicht ketzerisch klingen, aber eigentlich muss daraus nichts gelernt werden. Und ich glaube auch nur bedingt daran, dass hier ein Transfer stattfindet. Das größte Kapital aller Regionen sind und bleiben Menschen, die aktiv werden und Wege suchen, sich Unterstützung organisieren und darüber reden, was sie machen. Ich möchte in diesem Zusammenhang auf ein tolles Buch hinweisen, was unlängst erschienen ist - "Neuland gewinnen - Zukunft erfinden in Ostdeutschland". Entstanden aus dem Neulandgewinnerprogramm der Robert-Bosch-Stiftung, die m.E. nach mit diesem Programm genau das geschaffen hat, was es braucht - auch das würde ich später gern noch in die Diskussion mit einbringen.

Zum Abschluß noch ein Anriss von Risiken und Chancen, die ich sehe:

Zum Risiko: Steckenbleiben in mentalen Karten und Zuschreibungen von "Ostdeutschland" - echte Aufarbeitung menschlicher Potenziale nach der Wende ist dringend geboten - auch die Auseinandersetzung mit "Zuviel-Kümmern", entmündigen und überregulieren; ja, ersticken von Wegen im demografischen Wandel. Ich frage mich manchmal, was der Umbau Ost eigentlich assoziiert - was soll denn wohin umgebaut werden? Darüber würde ich mich gern austauschen. Zu den Chancen: hier sehe ich v.a. Freiräume, ich sehe freiwerdende Entscheidungsträgerstellen und ich sehe das Interesse von unabhängigem Geld in Richtung Osten, das wächst. Daraus kann man viel machen.

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