Zum Inhalt springen

Grauzonen der Musik

Musik kann dazu beitragen, menschenfeindliches Gedankengut und Ideologien der Ungleichwertigkeit zu verbreiten. Zum Teil geschieht das sehr offensichtlich, etwa bei diversen Rechtsrock-Konzerten, die fast jedes Wochenende in Sachsen stattfinden. In verschiedenen musikalischen Subkulturen existieren aber Grauzonen, die weniger eindeutig und daher schwieriger zu bewerten sind: So spielen etwa verschiedene Gruppen der Neofolk-Szene mit Versatzstücken faschistischer und nationalsozialistischer Ästhetik, während ihre Texte elitär oder nationalkonservativ anmuten und von Motiven wie Kampf und Heldentum, von Vergangenheitssehnsucht und Ablehnung der Gegenwart durchsetzt sind. Einige dieser Gruppen treten auch immer wieder in Leipzig auf – etwa die Formation Darkwood im Rahmen des am Wochenende stattfindenden Wave Gotik Treffens (WGT).

Wenige Tage vor Beginn des WGT besuchten am 13. Mai 2013 etwa hundert Gäste auf Einladung der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Sächsischen Landtag den Diskussionsabend „Grauzonen - Darkwave und Neofolk zwischen Landserromantik und Geschichtsverklärung“ im Leipziger Werk 2. Auf dem Podium sprachen

Frank Schubert, Forum für kritische Rechtsextremismusforschung und Mitherausgeber "Ordnung.Macht.Extremismus - Effekte und Alternativen des Extremismusmodells",
Robert Dobschütz, Leipziger Internetzeitung,
Alexander Nym, Publizist und Autor des Buches "Schillerndes Dunkel" und
Miro Jennerjahn, Mitglied des Sächsischen Landtags, Experte für Rechtsextremismus der GRÜNEN-Landtagsfraktion und Autor des Buches "Neue Rechte und Heidentum: Zur Funktionalität eines ideologischen Konstrukts"

am Beispiel des Neofolk darüber, wie derartige musikalische Grauzonen zu bewerten sind, welche Gefahr von ihnen ausgeht und wie inner- und außerhalb der jeweiligen Szene damit umzugehen ist. Moderiert wurde der Abend von Jürgen Kasek, Sprecher des Vorstandes von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Leipzig.

Dass sich die Podiumsteilnehmer nicht gewillt waren, sich angesichts der komplexen Thematik zu einer oberflächlichen Behandlung hinreißen zu lassen, wurde im Verlauf der Diskussion deutlich: Nach einer kenntnisreichen, differenzierten Einführung des Moderators gab Alexander Nym einen Überblick über die Entwicklung des Neofolk mit besonderem Blick auf diejenigen Tendenzen, die seit Jahren Kritik inner- und außerhalb der Szene hervorrufen und sich jeder eindeutigen Positionierung zum Nationalsozialismus einerseits, zum demokratischen Rechtsstaat andererseits entziehen.

Miro Jennerjahn stellte diese Ambivalenz in den Kontext der „Neuen Rechten“, deren Akteure darauf abzielen, Ideologien der Ungleichwertigkeit im vorpolitischen Feld zu verbreiten, dabei aber klare Bekenntnisse zum Nationalsozialismus oder Faschismus vermeiden. „Es geht darum, bestimmte Ansichten und ein gewisses Geschichtsbild wieder mehrheitsfähig zu machen und als akzeptabel darzustellen“, so Jennerjahn. „Wenn diese Werteverschiebung erst geschafft ist, kann man leichter nach den staatlichen Institutionen greifen.“

Frank Schubert plädierte dafür, nicht nur das stilistische Auftreten und die oft kryptischen Texte der Bands als Messlatte zur Beurteilung ihrer Absichten zu nehmen, sondern den Blick auch auf ihre oft aussagekräftigeren Äußerungen in Interviews und im Internet zu richten. So schreiben etwa Darkwood auf ihrer Homepage: „Die Vergangenheit schwebt über uns allen wie ein Damoklesschwert. Wir alle sind überschattet vom Leid des Krieges, die Liebe zu unserem jeweiligen Heimatland bleibt gezeichnet von Schmerz und Schuldgefühlen - vergessen scheint die Schönheit unserer Natur und Tradition.“ Die Plattencover der Band zeigen sterbende Soldaten, Atombombenexplosionen und einen offenbar der NS-Zeit entstammenden Jungen mit Uniform und Waffenhalfter.

Zur Sprache kamen auch die verschiedenen Initiativen, die innerhalb der „Schwarzen Szene“ auf eine deutlichere Abgrenzung von rechtsextremem Gedankengut drängen – in der Vergangenheit die „Grufties gegen Rechts“, aktuell das Projekt „Schwarz statt Braun“. In den durch diese Initiativen forcierten szeneinternen Debatten zeichnet sich ab, für welche Musiker und Fans es bei der Verwendung von Militäruniformen und dem Bekenntnis zur „Heimat“ nicht nur um Ästhetik und Patriotismus geht, sondern um die rechtsgerichtete Politisierung der Szene. Allerdings, so Alexander Nym, bleiben zahlreiche Neofolk-Fans auch angesichts dieser Debatten indifferent und beanspruchen für sich, unpolitisch zu sein.

Das bestimmende Thema der zweistündigen Diskussion war aber die Frage, wie der gesellschaftliche Umgang mit musikalischen Grauzonen auszusehen habe. Einigkeit bestand auf dem Podium dahingehend, dass Zensur und Verbote im Vorfeld eindeutiger Straftatbestände keine geeigneten Mittel sein können, um fragwürdigen Tendenzen im Neofolk zu begegnen. Was aber ein adäquater Umgang mit denjenigen Musikern ist, die dem Grauzonen-Feld zuzurechnen sind, blieb strittig. Toleranz und szeneinterne Debatten in Anbetracht fragwürdiger Ästhetik und Textinhalte – oder öffentliche Kritik, gepaart mit Druck auf Veranstalter, die betreffenden Gruppen nicht zu buchen? Miro Jennerjahn hierzu: „Wenn jemand unbedingt in einer Uniform auftreten muss, die denen der SS ähnelt, kann er für sich nicht das Recht beanspruchen, das unwidersprochen zu tun. Mit öffentlichem Entgegentreten muss so jemand leben.“

Der Diskussionsabend war nicht die erste Auseinandersetzung der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Sächsischen Landtag mit der Thematik rechtslastiger und rechtsextremer Musik: Bereits im Januar hatte Miro Jennerjahn in verschiedenen sächsischen Städten gemeinsam mit dem Filmemacher Peter Ohlendorf dessen Rechtsrock-Dokumentarfilm „BLUT MUSS FLIESSEN“ gezeigt und im Anschluss mit dem Publikum und lokalen Rechtsextremismus-Experten darüber diskutiert.


» Fotos der Veranstaltung "Grauzone"
» Rückblick auf den Film "Blut muss fliessen"

           

Politikfelder