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Perspektiven Beitrag: Wir brauchen die Kultur

Foto: Kristen Stock

Alte Normalität ist, ein langgeplantes Konzert zu genießen; dem auswärtigen Besuch die Alten Meister zu zeigen; mit den Kindern spontan ins Kino zu gehen; die Frühlingslesungen in der kleinen Buchhandlung zu besuchen oder am Bürgertheaterstück im nachbarschaftlichen Kulturzentrum zu proben. Diese gemeinsamen Kulturerlebnisse, diese Freiheit fehlte uns und sie wird weiterhin stark eingeschränkt bleiben.

In der Corona-Pandemie steht der Gesundheitsschutz an erster Stelle – zu Recht. Doch durch den notwendigen monatelangen Verzicht auf Veranstaltungen in gewohnter Form befinden nicht nur wir uns kulturell auf Sparflamme. Tausende Kulturschaffende und Kulturvereine im ganzen Land, von Theater und Musikkultur, über Literatur, Bildende Kunst und Film bis hin zu kultureller Bildung und Soziokultur sind finanziell im freien Fall.

Das gilt auch für zahlreiche gesellschaftliche Bereiche und die Wirtschaft, die nach dem immensen Einbruch wieder in Gang gebracht werden müssen. Es ist im Interesse der Steuerzahlerinnen und -zahler von heute und morgen ehrlich zu sagen, was von zentraler Bedeutung ist und welche Verluste wir schweren Herzens hinnehmen müssen. Ist ein gleichberechtigtes „Rettet die Kultur!“ da nicht vermessen?

Meine Antwort ist eindeutig: Nein. Wir dürfen Kultur nicht nachrangig behandeln. Ohne die Vielfalt kultureller Angebote wird unser Zusammenleben nicht funktionieren. Kultur ist systemrelevant. Die Politik von heute entscheidet über den Zustand der Gesellschaft von morgen. Selten waren die aktuellen kulturpolitischen Entscheidungen so prägend für die sächsische Kulturszene der nächsten Jahre. Wir brauchen Weitsicht.

Dabei geht es nicht nur darum, dass wir als Konsumierende nicht auf eine anregende Freizeitgestaltung vor Ort verzichten wollen. Es geht auch nicht in erster Linie um Wertschöpfung, obwohl die Kultur- und Kreativwirtschaft bei aller Kleinteiligkeit einen wichtigen Beitrag für Einkommen und Wertschöpfung leistet, Standortattraktivität beeinflusst und Nachfrage bei Gastronomie, Hotelgewerbe, Tourismus erzeugt. Der große Wert von Kultur beruht auf ihrer Fähigkeit, gesellschaftlichen Wandel zu diskutieren und anzustoßen.

Wir brauchen Kultur bei der Bewältigung von Krisen. Sie hilft mit ihren Angeboten gegen Vereinsamung, Überforderung oder Benachteiligung. Die Corona-Pandemie führt uns vor Augen, was unser Leben bereits bestimmt: wir sitzen auf dem ganzen Planeten im selben Boot. Die Folgen des globalen Klimawandels, der Wandel der Arbeitswelt, die Digitalisierung, das Auseinanderdriften der Gesellschaft vor dem Hintergrund sozialer Ungleichheiten - all das hat Auswirkungen auf jeden von uns und wird uns in Zukunft beschäftigen. Kunst und Kultur kann gesellschaftliche Entwicklungen und Brüche durch vielfältige Formen und subjektive Sichtweisen für uns greifbar machen. Sie bietet Anlässe für Dialog und Verständigung über Ängste, Zukunftsperspektiven und Ideen für mehr Zusammenhalt. Sie ermöglicht für viele Menschen eine persönliche und eine gemeinschaftliche Auseinandersetzung jenseits von wissenschaftlicher Analyse und politisch-medialen Diskurs. Für das Verstehen und Mitgestalten der gesellschaftlichen Entwicklung brauchen wir die Kunst, die Kreativen und die Kulturorte besonders nach der Corona-Pandemie.

Die politische Antwort auf die Notwendigkeit von Kultur liegt in der Rückbesinnung auf den Aufbau der Kulturlandschaft im Freistaat Sachsen nach der Friedlichen Revolution ab 1990. Der neugegründete Freistaat hatte den Erhalt und die Förderung der Kultur als Staatsziel in seine Verfassung (§ 11) aufgenommen. Die große Bedeutung von Kultur für den Strukturwandel wurde erkannt und genutzt. So beschrieb der erste Sächsische Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Prof. Dr. Hans Joachim Meyer 1992 in Freiberg bei einer Tagung der Naumann-Kommission in Vorbereitung des einzigartigen Kulturraumgesetzes einen wesentlichen Gedanken für die kulturelle Strukturentwicklung in Sachsen mit der „Bereicherung des traditionellen und zu bewahrenden Theater- und Orchesterangebotes um Elemente der Breitenkultur und der Soziokultur. Die kulturelle Vielfalt Sachsens […], bietet eine Grundlage dafür, das bürgernahe Kulturangebot durch gemeinsam zu entwickelnde und zu tragende Strukturen zu erhalten und zu erweitern.“ Dieselbe Weitsicht und Entschlossenheit sollten wir heute aufbringen.

Kultur in ihrer regionalen und künstlerischen Vielfalt gehört seitdem zur DNA unseres Freistaates und hat sich weiter ausdifferenziert. Kultur ist kommunale Pflichtaufgabe. Die solidarische Finanzierung durch Land und Kommunen ist die Grundlage dafür, dass neben Staatsoper, Staatsschauspiel und Staatliche Kunstsammlungen Dresden regional verankerte Theater und Orchester genauso präsent sind wie bürgerschaftlich getragene Kulturvereine und soziokulturelle Zentren. Sie konnten seit 30 Jahren aufgebaut und professionalisiert werden. Gerade die freie Szene, die Vereine, Clubs und die vielen freischaffenden Künstlerinnen und Künstler bringen immer wieder frischen Wind für ihr Publikum. Die bestehende Vielfalt der Kultursparten, der ästhetischen Formen, der Organisationsformen und ihre zivilgesellschaftliche Verankerung ist heute prägend für die ländlichen Kulturräume sowie für Dresden, Leipzig oder Chemnitz.

Jetzt steht Vieles davon unmittelbar vor dem Aus. Ein Wiederaufbau würde Jahre dauern. Deshalb müssen wir jetzt Kulturträgern und Kreativen Überlebenschancen sichern. Ihre Rettung ist keine politische Mildtätigkeit. Sie ist keine Zugabe, wenn anderen Branchen geholfen ist. Das Staatsziel Kultur verpflichtet uns dazu.

Wer die gesellschaftliche Bedeutung einer vielfältigen Kulturszene erkannt hat, lässt sich bei der Struktursicherung nicht auf Spekulationen ein, was der Markenkern sächsischer Kultur und deshalb vorrangig zu behandeln sei.

Was muss Politik also tun? Zunächst einmal anerkennen, dass Kulturschaffende durch ihren Verzicht auf Tätigkeit und Einkommen, der wahrscheinlich länger als für die meisten anderen Bereiche dauern wird, einen solidarischen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Wann sie ihre Tätigkeiten wieder vollumfänglich aufnehmen können, lässt sich nicht allein kulturpolitisch entscheiden. Die Kulturpolitik muss jedoch darauf achten, dass bei den bisher wirksamen Hilfsprogrammen nicht ein Großteil der Kulturschaffenden durchs Raster fällt. Die Phase des Wiedereinstiegs braucht vorausschauende Unterstützung und Planbarkeit.

Die Rettung unserer reichhaltigen Kulturlandschaft ist nicht nur Verpflichtung, sondern auch Chance. Erhalten sollten wir nicht nur bestehende Strukturen, sondern auch die Fähigkeit der Kulturszene zur Weiterentwicklung. Die ersten sächsischen Hilfsmaßnahmen sind ein guter Ausgangspunkt. Das Stipendienprogramm "Denkzeit" ist ein neuer Ansatz, der ein Überbrückungseinkommen für ca. 1.000 Künstlerinnen und Künstler kombiniert mit der Förderung von neuen Ideen und Kultur in Krisenzeiten. Ein gesonderter Schutzschirm wurde bereits für die privaten Musikschulen und ihre Honorarkräfte aufgespannt. Jetzt sollte Unterstützung für andere Sparten folgen.

Es fehlt bislang ein Programm für freie gemeinnützige Träger, die existenziell von Einnahmen aus Eintritten, Gastronomie, Teilnahmegebühren abhängig sind. Die Analysen der sächsischen Kulturverbände zeigen, wie eine passgenaue Unterstützung aussehen und ein Kahlschlag verhindert werden kann. Schließlich würde dieser auch bedeuten, dass Personal verloren geht, Projekte und damit verbundene Einkommensmöglichkeiten für freie Kulturschaffende dauerhaft ausfallen. Auch die vereinfacht zugängliche Grundsicherung ist keine generelle Alternative für Künstlerinnen und Künstler. Aufgrund der geringen Zuverdienstmöglichkeiten und ohne Deckung künstlerischer Betriebsausgaben könnten sie ihre künstlerische Tätigkeit nicht fortsetzen und die nächsten Angebote und Projekte nicht vorbereiten.

Wenn wir Kultur jetzt nicht stärker unterstützen, geht Vielfalt verloren. Wie arm wäre unser Freistaat dann?

 

Dieser Beitrag ist erstmals in der Sächsischen Zeitung am 9. Mai 2020 erschienen.

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