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Fachgespräch „Hilfen für sächsische DDR-Heimkinder und Zwangsadoptierte in der DDR“ am 16. Januar 2015 in Leipzig

Die GRÜNE-Landtagsfraktion hat zu einem Fachgespräch "Hilfen für sächsische DDR-Heimkinder und Zwangsadoptierte in der DDR" eingeladen.
Zur Entschädigung des zu Unrecht erlittenen Leids wurde 2012 der Fonds „Heimerziehung in der DDR in den Jahren 1949 – 1990“ eingerichtet. Bis zum 30. September 2014 konnten Betroffene Beratungsbedarf für Ausgleichszahlungen aus diesem Fonds anmelden. Bei der für Sachsen zuständigen Anlauf- und Beratungsstelle in Leipzig haben sich insgesamt 5.780 Betroffene bis zum Stichtag gemeldet. Der Beratungsbedarf in Sachsen ist im Vergleich zu den anderen ostdeutschen Bundesländern am höchsten und von Jahr zu Jahr angestiegen. Volkmar Zschocke, Vorsitzender und sozialpolitischer Sprecher der GRÜNEN-Fraktion im Sächsischen Landtag, hat diese Entwicklung zum Anlass genommen, mit Vereinen, Selbsthilfegruppen, MitarbeiterInnen von Beratungsstellen und Betroffenen aus Sachsen ins Gespräch zu kommen. Knapp zwanzig TeilnehmerInnen haben über Hilfen für DDR-Heimkinder und Zwangsadoptierte in Sachsen diskutiert und wie diese verbessert werden können.

Zu Beginn der Veranstaltung hat René Münch, Betroffener von DDR-Heimerziehung, einen Auszug aus seinem Buch „Der Staat in der Republik“ vorgelesen. Die Betroffenen haben im Gespräch deutlich zum Ausdruck gebracht, wie hoch die Hemmschwelle bei vielen ist, sich mit dem erlittenen Unrecht in der eigenen Kindheit auseinanderzusetzen. Häufig werden die traumatischen Erlebnisse verdrängt und es braucht Zeit, das frühzeitig Erlebte als Unrecht zu verstehen und auch als solches zu benennnen. Zahlen belegen das: In Ostdeutschland wird von insgesamt 495.000 DDR-Heimkindern ausgegangen. Davon haben sich nur 20.000 bis zur Antragsfist im September letzten Jahres über den Fonds „Heimerziehung in der DDR“ gemeldet. Auch von den vermuteten 75.000 Adoptierten in DDR war es nur ein Bruchteil, berichtete Katrin Behr von der Beratungsstelle für Betroffene von DDR-Zwangsadoptionen in Berlin. Sie wies darauf hin, dass viele von ihnen bis heute nicht über ihren Adoptionsstatus aufgeklärt sind.
Corinna Thalheim, Vorstandsvorsitzende der Betroffeneninitiative „Missbrauch in DDRHeimen“ e.V. in Torgau, kritisiert deshalb, dass der Fonds „Heimerziehung in der DDR“ von Anfang an zeitlich begrenzt war und die Antragsfrist bereits abgelaufen ist.

Betroffenene, die sich bei der für Sachsen zuständigen Anlauf- und Beratungsstelle in Leipzig gemeldet haben, müssen sehr lange – oft mehr als ein Jahr – auf einen Termin warten. Andrea Zienow, Mitarbeiterin der Anlauf- und Beratungsstelle des Freistaates Sachsen zum Fonds „Heimerziehung in der DDR“, stellte kurz die herausfordernde Arbeitssituation in der Beratungsstelle dar und berichtete, dass personeller Zuwachs im Gespräch sei. Die GRÜNE-Fraktion hat das 2014 wiederholt gefordert.

Nach Aussagen von Betroffenen mangelt es nach dem einstündigen Gespräch in der Beratungsstelle oft an begleitenden Angeboten. Es gibt zu wenig Traumatherapeuten in Sachsen und die Selbsthilfegruppen, Betroffenenverbände und Aufarbeitungsinitiativen sind mit dem Ansturm – der seit der Einrichtung des Heimkinderfonds deutlich zugenommen hat – überfordert, auch weil sie die Beratung überwiegend ehrenamtlich organisieren. Ingolf Notzke, wissenschaftlicher Referent der „Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau e.V.“, sieht Sachsen in einer besonderen Verantwortung bei der Aufarbeitung, denn im Freistaat gab es eine Konzentration der Spezialheime zu DDR Zeiten.

Lutz Rathenow, der Sächsische Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen, betonte, dass mit den Fördermitteln aus dem seit 2011 existierenden Fonds zum Beispiel auch die Beratungstätigkeit für ehemalige Heiminsassen finanziert wird. So hält z. B. die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau ein solches Beratungsangebot vor.
Daneben unterstützt der Sächsische Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen Betroffene bei Faktenrecherchen und versucht die Anspruchsvoraussetzungen zu verbessern. Aktuell stehen allerdings ehemalige politische Gefangene und direkte politische Disziplinierungsopfer (z. B. durch Zersetzungsmaßnahmen) im Fokus der Aufarbeitung.

Volkmar Zschocke stellte abschließend fest: „Nach 25 Jahren ist nicht Schluss, die Aufarbeitung von DDR-Unrecht darf nicht enden. Wir werden uns auf verschiedenen Wegen für die Anliegen von DDR-Heimkindern und Zwangsadoptierten im Sächsischen Landtag stark machen. Unsere Fraktion wird darum bemühen, dass bürokratische Hürden bei der Aufarbeitung abgebaut werden, sich für eine bessere Beratungsstruktur und berufliche Rehabilitierung einsetzen. Bei den anstehenden Haushaltsverhandlungen werden wir kritisch prüfen, wie viele Gelder 2015 und 2016 für die Aufarbeitung von DDR-Unrecht eingestellt werden sollen. Anträge im Landtag zum Thema werden folgen.“

» ein paar fotografische Eindrücke vom Fachgespräch gibt es hier ...

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