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GRÜNE Hebammentour 2015

Die GRÜNE-Landtagsfraktion war im Juli 2015 vier Tage auf Hebammen-Tour quer durch Sachsen unterwegs. Wir haben vor allem die Regionen im Freistaat besucht, die laut Einschätzung des Sächsischen Hebammenverbandes e. V. unter einem besonders gravierenden Mangel an Hebammen leiden.

Grund sind die Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen, welche von Jahr zu Jahr massiv ansteigen.
Anlass der Tour war der aktuelle Antrag der GRÜNEN-Fraktion „Ambulante Geburtshilfe und Hebammenversorgung in Sachsen sicherstellen“ (Drs. 6/1874), der nach der Sommerpause im Landtag diskutiert werden wird.

Volkmar Zschocke, Fraktionsvorsitzender, sozial- und gesundheitspolitischer Sprecher der GRÜNEN-Fraktion, besprach mit freiberuflichen Hebammen die derzeitige Situation.

 

» GRÜNE Hebammentour 2015 - Gemeinsame Problemanalyse

» Bilder von der GRÜNEN Hebammentour

» GRÜNER Antrag „Ambulante Geburtshilfe und Hebammenversorgung in Sachsen sicherstellen“ (Drs. 6/1874)

         

GRÜNE Hebammentour 2015 - Gemeinsame Problemanalyse

Volkmar Zschocke beim Besuch im Geburtshaus

Auf der GRÜNEN Hebammen-Tour quer durch Sachsen hat Volkmar Zschocke, unser Fraktionsvorsitzender und sozial- und gesundheitspolitischer Sprecher mit freiberuflichen Hebammen folgende Themen besprochen:

Steigende Haftpflichtprämien und deren Auswirkungen auf Arbeits- und Einkommenssituation von Hebammen in Sachsen

Hebammen sind gesetzlich verpflichtet, sich über eine Berufshaftpflichtversicherung abzusichern. Die Schadensfälle sind in den letzten Jahren leicht zurückgegangen, aber die Kosten für den jeweiligen Fall steigen drastisch an. Immer weniger Versicherer wollen dieses Risiko absichern. Die Beträge sind in den letzten 5 Jahren um über 50% gestiegen. Die Verhandlungen des Deutschen Hebammenverbands e.V. mit dem GKV-Spitzenverband sind Ende Mai 2015 gescheitert. Seit Juli 2015 ist die Haftpflichtprämie um weitere 20% angestiegen. Für die ambulante Geburtshilfe müssen freiberufliche Hebammen nun etwa 6.300,00 Euro jährlich zahlen. Demgegenüber sind die Vergütungen der Hebammen gleich geblieben.

Immer mehr Hebammen sehen sich darum gezwungen, ihren Beruf aufzugeben. Die weiterhin tätigen Hebammen beklagen eine immer höhere Arbeitsbelastung. Es ist immer schwerer, eine Vertretung in Urlaubszeiten oder im Krankheitsfall zu finden. Vielen freiberufliche Hebammen arbeiten aufgrund der hohen Versicherungszahlungen unter Mindestlohn. 

Grit Kretschmar-Zimmer, Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbands e.V.: „Sie schreiben im Begründungstext zu ihrem Antrag, seit 2008 hat die Haftpflichtversicherung jede vierte Hebamme deutschlandweit zum Aufgeben gezwungen. Ich gehe davon aus, mittlerweile hat jede dritte Hebamme in Sachsen aufgehört. Viele Kolleginnen haben auf den Sicherstellungszuschlag von Herrn Gröhe gewartet. Jetzt kommt der auch nicht. Bis 2017 hören noch mehr auf.... Das ist nicht nur für die Hebammen schlimm, sondern für die vielen Frauen, die vor und nach der Geburt nicht versorgt sind.“

Anett Schmid, Geburtshaus Chemnitz: „Ich habe vor 15 Jahren das Geburtshaus in Chemnitz gegründet. Ich wüsste nicht, ob ich so etwas unter heutigen Bedingungen aufbauen würde und ob ich überhaupt eine Ausbildung zur freiberuflichen Hebamme anfangen würde. Mittlerweile glaube ich, der 'Crash' ist nötig, damit die Krankenkassen, Ärzte und Kliniken anerkennen bzw. überhaupt sehen, was wir freiberuflichen Hebammen tagtäglich leisten. Was mir bei der Diskussion um die Haftpflichtversicherung völlig fehlt, ist der Fakt, dass wir keine Risikogeburten ambulant durchführen und trotzdem alle in einen Versicherungstopf zahlen.“

Beate Grziwnatzki - Seidel, Hebammen-Praxis, Kitzscher (Leipziger Land): „Ich habe zwei Angestellte über meine Hebammenpraxis, deren Haftpflichtprämie ich mit bezahle. Das kann ich zur Zeit nur über einen Kredit tragen. Zehn Geburten im Monat reichen nicht mehr, damit sich das rechnet. Bei Beleggeburten sind sogar 30 oder 40 im Monat nötig. Es ist traurig, dass die natürliche Geburt heute ein Luxusgut geworden ist. Viele Frauen müssen für eine Rufbereitschaft bei einer Hausgeburt dazuzahlen, teilweise 600 bis 1.000 Euro. Ich muss 100 bis 250 Euro zusätzlich verlangen, je nach Entfernung. Bis zu 80 km fahre ich für Mutter und Kind. Doch eigentlich möchte ich eine Hebamme für alle Frauen sein - mit großem und kleinen Geldbeutel. Das heißt ich will kein zusätzliches Geld nehmen müssen."

 

Hebammenversorgung in Sachsen – Nachfrage und Angebot von Hebammenleistung vor Ort - Grundrecht werdender Mütter über die freie Wahl des Geburtsorts in Gefahr?

Welche Auswirkungen die Haftpflichtproblematik auf die Versorgungsstruktur mit (ambulanter) Geburtshilfe in Sachsen hat, ist der Staatsregierung bisher unbekannt. Wir setzen uns dafür ein, eine landesweite Statistik zur Hebammenversorgung in Sachsen zu erstellen. Bis zum 31.01.2016 soll dem Sächsischen Landtag berichtet werden, welche Angebote der Hebammenhilfe es gibt, wie groß die Nachfrage von Schwangeren nach Hebammenleistungen ist und wie die derzeitige Einkommens- und Arbeitssituation von Hebammen in Sachsen aussieht. Auf Grundlage dieser Daten kann der Freistaat auf Fehlentwicklungen und eine mögliche Unterversorgung reagieren.

Anett Schmid, Geburtshaus Chemnitz: „Wenn die Geburtshäuser schließen müssen, fallen gleichzeitig viele Angebote der Vor- und Nachsorge für Mutter und Kind weg. In der Ferienzeit reicht das Angebot nie aus. Jetzt gerade sind viele Frauen ohne Hebamme.“

Beate Grziwnatzki - Seidel, Hebammen-Praxis, Kitzscher (Leipziger Land): „Ich muss vielen, unglaublich vielen Frauen absagen. Im Durchschnitt zehn Frauen die Woche. Manchmal auch 15 Frauen.“

Grit Kretschmar-Zimmer, Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbands e.V.: „Wir büßen hier gerade ein Grundrecht von Müttern ein. Das ist vielen gar nicht klar. Die Wahlfreiheit ist in unserer Region (Hoyerswerda) schon nicht mehr gegeben. Und die Konsequenzen sind alarmierend. Meine Kolleginnen und ich sehen die Gefahr, dass gezielte Alleingeburten in Sachsen zunehmen könnten!“

Anett Schmid: „Die Hebamme ist in ihrer Arbeit am physiologischen – also am gesunden Körper – ausgerichtet. Ärzte hingegen am pathologischen – am Kranken. In der Geburtshilfe wird der Konflikt deutlich. Viele Frauen kommen zu uns, weil Sie bei der ersten Geburt negative Erfahrungen im Krankenhaus gemacht haben. Einige fühlen sich in ihrem Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt."

 

Möglichkeiten des Freistaates Sachsen zu Sicherung der Hebammenversorgung in Sachsen

Wir schlagen vor, einen Runden Tisch einzurichten, an dem sich das Sächsische Ministerium für Soziales und Verbraucherschutz, VertreterInnen der Landtagsfraktionen, des Sächsischen Hebammenverbands e.V., Frauen- und KinderärztInnen, die Sächsische Landesärztekammer, Krankenkassen, die Krankenhausgesellschaft Sachsen e.V. sowie Elternvertretungen beteiligen. Ziel dieses Runden Tisches muss es sein, schnellstmöglich gemeinsam konkrete Maßnahmen zur Sicherung einer flächendeckenden und am Bedarf orientierten Hebammenversorgung in Sachsen zu erarbeiten.

„Ich habe auf meiner Tour viele Hebammen getroffen, die sagen, dass auch sie aufgrund der hohen Haftpflichtprämie gezwungen sind, bald aufzuhören. Das ist besorgniserregend.", erklärt Volkmar Zschocke. "Wir müssen schnell handeln und gezielt Lösungen auf Landesebene suchen, um wenigstens die derzeitige Hebammenversorgung in Sachsen zu sichern. Wir werden mit unserem Antrag die Debatte zur Hebammenversorgung in Sachsen anstoßen. Das soll keine Hebammen-Abschiedstour gewesen sein."

 

 

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