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Wissenschaftliche Karriere als Glücksspiel? Die grüne Tagung "Risikojob Wissenschaft"

Über 70 Teilnehmer diskutierten bei der grünen Tagung 'Risikojob Wissenschaft?!' über Perspektiven für akademische Beschäftigte und wissenschaftlichen Nachwuchs an Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Hintergrund: Die Perspektiven für akademische Beschäftigte an Hochschulen und Forschungseinrichtungen haben sich in den letzten Jahren gerade in Sachsen zusehends verschlechtert. Befristung und Teilzeitverträge bei voller Arbeitsbelastung sind für den akademischen Mittelbau mittlerweile die Regel.

Wissenschaftliche Karriere als Glücksspiel?

Dr. Karl-Heinz Gerstenberg, parlamentarischer Geschäftsführer und hochschulpolitischer Sprecher der Fraktion, wies in seiner Einführung darauf hin, dass bereits vor hundert Jahren die akademische Karriere als äußerst risikoreicher Hazard und damit als Glücksspiel aufgefasst wurde. Ihm zufolge ist es bemerkenswert, dass in der neoliberalen Arbeitswelt der USA die wissenschaftlichen Berufswege relativ berechenbar sind, während die Wissenschaft im relativ arbeitnehmerfreundlichen Deutschland eine Insel der Prekarität bildet. In Sachsen ist diese Problematik besonders ausgeprägt. Angesichts der prekären Beschäftigungsbedingungen und des sich abzeichnenden Fachkräftemangels droht die Tätigkeit in Hochschulen und Forschungseinrichtungen zunehmend an Attraktivität gegenüber außerwissenschaftlichen Bereichen zu verlieren, so Gerstenberg.

» Einführungsstatement Karl-Heinz Gerstenberg, MdL (PDF)

Wagnis Wissenschaft – Prekarisierung auf hohem Niveau

In das 'Wagnis Wissenschaft' führte Dr. Anke Burkhardt vom Institut für Hochschulforschung Wittenberg, Projektleiterin des Bundesberichts zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu Beginn ein. Die akademischen Berufswege und Beschäftigungsperspektiven sind ihr zufolge immer stärker von Befristung und Teilzeitverträgen geprägt. Die zunehmende Prekarisierung findet jedoch auf hohem Niveau statt, weil viele Wissenschaftler die Beschäftigungsbedingungen problematisch finden, anderseits einer erfüllenden Tätigkeit nachgehen können. Während 1995 noch eine unbefristete Stelle auf vier unbefristete Stellen kam, hat sich dieses Verhältnis auf derzeit 1:7 verschärft. Diese Tendenz wird vor allem durch die Absenkung der Grundfinanzierung und zugleich stärkere Programmförderung von einzelnen Wissenschaftsprojekten befördert, mit denen automatisch eine Befristung von Beschäftigungsverhältnissen einhergeht.

» Aktuelles vom Arbeitsplatz Hochschule und Forschung für den wissenschaftlichen Nachwuchs, Anke Burkhardt (PDF)

Die Chancen auf eine Professur sind statistisch äußerst gering. Von 200 Absolventen hegen immerhin 80 eine Promotionsabsicht, lediglich 25 promovieren tatsächlich. Von den Promovierten habilitieren lediglich zwei, um schließlich um eine Professur zu konkurrieren. Während lediglich eine Minderheit der Promovierten in der Wissenschaft bleibt und die Mehrheit berufliche Perspektiven außerhalb der Wissenschaft findet, ist die weitere Qualifikation zur Professur problematisch. Derzeit befinden sich in Deutschland ca. 20.000 Wissenschaftler in der Habilitationsphase, jährlich werden jedoch nur 1.300 Professuren neu berufen. Für diese Gruppe von Wissenschaftlern gibt es Burkhard zufolge weder ausreichend Stellen noch berechenbare Perspektiven.

Beruf oder Projekt? Beschäftigungsbedingungen im ‚Mittelbau’

In Forum 1 'Beruf oder Projekt?' wurde anschließend diskutiert, wie wissenschaftliche Berufswege attraktiv und berechenbar werden können. Aus Sicht von Dr. Frank Nolden (Kanzler, Universität Leipzig) wird der geplante Stellenabbau der Staatsregierung stark zu Lasten des wissenschaftlichen Mittelbaus erfolgen wird. Unbefristete Beschäftigungen, derzeit bei ca. 20%, werden zu einer noch stärkeren Ausnahme als bisher werden. Die Anteile der Drittmittelfinanzierung werden zunehmen. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz hat dagegen aus seiner Sicht seinen Zweck durchaus erfüllt. Im Vergleich mit den Universitäten sind die Beschäftigungsbedingungen an den außeruniversitären Forschungseinrichtungen vergleichsweise gut.

Dr. Andreas Keller (Hauptvorstand Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Initiator des Templiner Manifests) forderte die Ausgestaltung von Beschäftigungsverhältnissen im Sinne von Wissenschaft als Beruf. Die Unsicherheit dauert ihm zufolge im Wissenschaftsbereich zu lange fort. In manchen Fächern haben Hochschulen das Problem, gute Leute zu finden, weil die Rahmenbedingungen zu schlecht. Die Qualität von Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement droht darunter zu leiden. Eine Reform der Beschäftigungsstrukturen nützt somit den Hochschulen selbst. Lösungsansätze aus gewerkschaftlicher Sicht sind eine höhere Zahl unbefristeter Beschäftigungsverhältnisse, ein Wissenschaftstarifvertrag sowie die Durchsetzung des Prinzips, Befristungen an der tatsächlichen Dauer des Projekts auszurichten.

Die Beschäftigungsperspektiven aus Sicht des Mittelbaus skizzierte Dr. Andreas Neubert (Vertretung akademischer Mittelbau der TU Chemnitz). Einer Umfrage unter dem ‚Mittelbau’ an der TU Chemnitz zufolge sind ¾ der wissenschaftlichen Mitarbeiter jünger als 35, lediglich 6% sind unbefristet. Die Hochschule fungiert vielen Mitarbeitern zufolge als Durchlauferhitzer, die Planbarkeit wird von 2/3 als schlecht empfunden. Die Verbleibdauer an der Universität ist stark rückläufig. Knapp 40% der Mitarbeiter haben Vertragslaufzeiten von weniger als 1 Jahr, der Anteil der Teilzeitbeschäftigung nimmt stark zu. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter ist über Drittmittelprojekte angestellt.

Dr. Katrin Pittius (Soziologin TU Dresden) erläuterte die Gründe für Prekarisierung der Wissenschaft. Die kurzen Laufzeiten von Beschäftigungsverträgen sind ihr zufolge insbesondere ein Problem für die Planbarkeit von Promotionen und Habilitationen. Die geringe Kinderzahl von Akademikern sei angesichts kurzer Vertragslaufzeiten ebenso wenig verwunderlich wie das Wegbrechen von Frauen, aber auch familienorientierter Männer aus dem Wissenschaftsbetrieb nach der Promotion. Die Beschäftigung über Teilzeitstellen ist insbesondere für Wissenschaftler mit Familie finanziell unzureichend. Die hohe zeitliche Beanspruchung und die Befristungen sind die entscheidenden Gründe für das geringe Engagement des Mittelbaus. Darüber stehen Bemühungen um Anschlussverträge im Widerspruch zu hochschulpolitischen Engagement. Zudem vertreten die bestehenden Personalräte an den Hochschulen das wissenschaftliche Prekariat nur unzureichend.

Weg in die Sackgasse oder Karrieresprungbrett – prekäre Perspektiven für den Nachwuchs

Im Forum 2 'Weg in die Sackgasse oder Karrieresprungbrett – welche Perspektiven hat der wissenschaftliche Nachwuchs?' stellte Prof. Dr. Klaus Bente, Professor für Mineralogie an der Universität Leipzig in seinem orientierenden Impulsreferat die Rahmenbedingungen der zunehmenden Prekarisierung wissenschaftlicher Beschäftigungsverhältnisse heraus. Die Reduktion des Wissens in der neoliberalen Gesellschaft auf Vermittlung von Beschäftigungsfähigkeit und die Selbstverantwortung im Kontext ökonomischer Sachzwänge sind gesellschaftliche Entwicklungen, die mit mangelnder Planungssicherheit auf politischer Ebene  zusammenwirken.

» Perspektiven für akademische Beschäftigte und wissenschaftlichen Nachwuchs an Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen (PDF)

Benjamin Bigl (PromovierendenRat, Universität Leipzig) skizzierte die Probleme und Perspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchs. Ein entscheidendes Problem ist der ungeklärte Status der Promovierenden, der es überhaupt erst ermöglicht für Rechte zu streiten. Die problematische Situation der Promovierenden ist an einem deutlichen Anstieg der Promovierendenzahl bei gleichzeitigem Rückgang der Promotionen zu erkennen. Ein Großteil der Promovenden wird fachfremd für Lehre oder Verwaltung eingesetzt. Unsichere Finanzierungen und insbesondere das Absinken der Graduiertenförderung erschweren die Bedingungen. Ein Konzept für die Entwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchs ist weder von Seiten der Länder noch der Hochschulen erkennbar.

Im Anschluss ging Claudia Koepernik (Kooperationsstelle Arbeit und Wissenschaft/Junge GEW) auf das Spannungsfeld zwischen akademischer Karriere und außerakademischen Beschäftigungsfeldern ein. Prinzipiell sind ihr zufolge die Beschäftigungsbedingungen für Promovierte auch außerhalb der Wissenschaft gut, auch wenn fraglich ist, ob die Tätigkeit qualifikationsadäquat ist. Dennoch fühlen sich viele Promovierte nicht ausreichend vorbereitet. Sinnvoll sind Koepernik zufolge Programme, die Promovierte spezifisch auf außeruniversitäre Berufsfelder vorbereiten.

Die Juniorprofessur als Modell berechenbarer Wissenschaftskarrieren stellte schließlich Prof. Dr. Remigius Bunia (Freie Universität Berlin, Deutsche Gesellschaft Juniorprofessur) vor. Ihm zufolge ist die Mehrzahl der Juniorprofessoren mit ihrer Situation zufrieden. Dennoch widerspricht es ihm zufolge der ursprünglichen Idee der Juniorprofessur, wenn lediglich 15% dieser Stellen eine verbindliche Tenure-Track-Option besitzen, bei der die Kriterien der Berufung auf eine ordentliche Professur von vornherein transparent sind.

Wissenschaft als Beruf – ein Thema für die Hochschulplanung 2020

Im Abschlusspodium 'Wissenschaft als Beruf – ein Thema für die Hochschulplanung 2020?' ging es um die Lösungsansätze für berechenbare Berufswege in der Wissenschaft im Rahmen der Hochschulentwicklungsplanung 2020. Die Hochschulvertreter Prof. Hummel (Prorektor TU Chemnitz) und Dr. Frank Nolden (Kanzler Uni Leipzig) kritisierten eingangs die Pläne der Staatsregierung, bis 2020 über 1.000 Stellen an den Hochschulen abzubauen. Der geplante Stellenabbau verschärft ihnen zufolge die Verschlechterung der Beschäftigungsbedingungen. Dr. Andreas Keller (GEW) ging auf die Möglichkeiten ein, im Rahmen einer Hochschulentwicklungsplanung die Beschäftigungsperspektiven in der Wissenschaft zu verbessern. Ihm zufolge ist es wichtig, aber nicht selbstverständlich, durch entsprechende Ziele, Vorgaben und Anreize eine Personalentwicklungsstrategie der Hochschulen voranzutreiben.

Dr. Karl-Heinz Gerstenberg stellte die grünen Ideen im Rahmen des Alternativen Hochschulentwicklungsplans vor. Demnach sei es grünes Ziel, langfristig 2/3 der Stellen an den Hochschulen jenseits der Drittmittelprojekte in unbefristete Beschäftigungsverhältnisse umzuwandeln. Das bedeute jährlich 100 unbefristete Stellen.

In der Diskussion wurde die Notwendigkeit eigener Konzepte der Universitäten ebenso diskutiert wie gesetzliche Möglichkeiten zur Eindämmung befristeter Beschäftigung. Kontrovers debattiert wurde, ob Professoren vollständig das eigene Personal aussuchen sollen oder das vorhandene Personal selbstverständlich übernommen wird.

» 82-seitige Dokumentation der Tagung mit den Beiträgen aller Referenten [PDF] (6,3 MB)

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