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Diskussion zur Zukunft der sächsischen Landwirtschaft

Prof. Helmut Klüter stellt die Ergebnisse der Studie vor.

Zur Vorstellung der im Auftrag der GRÜNEN-Landtagfraktion erstellten Studie „Die Landwirtschaft Sachsens im bundesweiten Vergleich“ kamen am 30. Januar mehr als 60 Interessierte. Unter ihnen waren zahlreiche ökologisch und konventionell arbeitende Landwirte, etliche Vertreter des Sächsischen Bauernverbandes sowie Fachleute aus den Bereichen Umweltschutz, Tiermedizin, Justiz und Politik.

Wolfram Günther, agrarpolitischer Sprecher der GRÜNEN-Landtagsfraktion, begrüßte den Autor der Studie, Professor Helmut Klüter, Leiter des Lehr- und Forschungsbereiches Regionale Geographie an der Universität Greifswald. Professor Klüter stellte in seinem Vortrag die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung vor, in die auch die aktuellsten Zahlen aus der Landwirtschaftszählung 2013 noch mit eingeflossen waren. Zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die Bruttowertschöpfung in der sächsischen Landwirtschaft unter dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt. Und das trotz guter Bedingungen, denn Sachsen verfügt über einige der besten Böden Deutschland. Obwohl die landwirtschaftliche Nutzfläche in Sachsen mit 907.000 Hektar um ein Viertel größer ist als die des Vergleichslandes Rheinland-Pfalz (707.000 Hektar), übertraf die Bruttowertschöpfung der Landwirtschaft von Rheinland-Pfalz 2013 mit 1.329 Mio. Euro die der sächsischen (870 Mio. Euro) um mehr als die Hälfte. Mit Hilfe statistischer Daten ging Professor Klüter der Frage nach, wo die Ursachen dafür liegen und sprach Handlungsempfehlungen aus, wie die Bruttowertschöpfung erhöht werden könnte.

Sowohl die Interpretation der Daten als auch die Handlungsempfehlungen sorgten danach für eine sehr kontroverse Diskussion zwischen den Gästen. Insbesondere beim Thema Betriebsgröße entspann sich eine hitzige Debatte. So umrissen Vertreter von Agrargenossenschaften bzw. größerer Betriebe ihre Arbeit und betonten, dass sie insbesondere für die Beschäftigung und für ihre jeweilige Region viel leisten würden. Die Größe des Betriebs bringe keine Qualitätsnachteile für Verbraucherinnen und Verbraucher. Ein Landwirt aus Mittelsachsen räumte dennoch ein, dass Lebensmittel-Skandale für eine höhere Nachfrage direkt vermarkteter Produkte sorgen. Deshalb setze sein Betrieb u.a. auch auf regionale Vermarktung. Ein ökologisch arbeitender kleiner Betrieb aus Nordsachsen kritisierte die geringe Flächenprämie für kleine Betriebe und fragte in den Raum, ob große Betriebe wohl mit weniger Geld auch klar kämen. Hier sähe er eine klare Benachteiligung von Unternehmen mit geringer Fläche. Wolfram Günther und auch Professor Klüter erklärten, dass es nicht darum ginge, gut wirtschaftende große Betriebe zu diskreditieren oder kleine Betriebe zu verklären. Am Ende, so Professor Klüter, „zählt jedoch, was da ist. Wenn die Großbetriebe, die Sachsens Landwirtschaft dominieren, so gut sind, warum ist die Wertschöpfung insgesamt so gering?“. Diese Frage müssten sich alle stellen, deren Ziel es ist, Sachsens Landwirtschaft voranzubringen. Im Vergleich mit Rheinland-Pfalz widersprach er der These, dass mit größer werdender Fläche auch die Wertschöpfung steige. Die Zahlen sprächen eine andere Sprache. Derzeit werden laut Studie 64 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen von Betrieben bewirtschaftet, die über mehr als 500 Hektar verfügen.

Großen Raum nahm auch die Belastung durch „Tierfabriken“ für Mensch und Umwelt ein: Es trafen zwei scheinbar unüberbrückbare Interessen aufeinander: Steigerung des Tierwohls durch artgerechte Haltung kontra Nutzung von Kostenvorteilen durch große Strukturen. Vertreter größerer Betriebe stritten einen kausalen Zusammenhang zwischen einer verstärkten Antibiotika-Gabe und multiresistenten Keimen ab. Ein Veterinärmediziner brachte an dieser Stelle klar zum Ausdruck, dass es Zusammenhänge gäbe, sich die Forschung dazu aber noch am Anfang befände. Auch verwies er darauf, dass sich Fleisch aus aus einer tier- und artgerechten Haltung sehr wohl von Fleisch aus Tierfabriken unterscheide. Er warf dem Bauernverband vor, sich hinter einer freiwilligen Tierwohlinitiative zu verstecken, die in Sachsen auf kein Interesse der Tierhalter stößt, anstatt sich für strukturelle Änderungen einzusetzen. „Warum unterstützen sie nicht endlich die Stärkung regionaler Strukturen?“ Als Beispiel brachte er die Wiederbelebung regionaler Schlachthöfe, um die Tieranzahl nicht länger der Größe von Lkws anpassen zu müssen, die die Tiere über Bundesländergrenzen hinweg in große Schlachthöfe transportieren. Kleine Schachtereien und Futtermittelherstellung vor Ort sowie Direktvermarktung heißen die Stichworte. Regionalität sorgt hier für geringere Abhängigkeit vom Weltmarkt und erhöht die Wertschöpfung in Sachsen, weil sich regionale Kreisläufe wieder schließen. Die Vorteile für Verbraucherinnen und Verbraucher sind Transparenz und Qualität; für Landwirte ließen sich höhere Erzeugerpreise erzielen.

Während in diesen und weiteren Bereichen sehr verschiedene Auffassungen aufeinander prallten, waren sich die Anwesenden beim Thema Aus- und Weiterbildung weitgehend einig. So gibt es im Osten Deutschlands mit Ausnahme von Sachsen kein dezentrales Fachhochschulwesen mehr. Und auch in Sachsen sollen die fünf existierenden Fachhochschulen auf drei zusammen gestrichen werden. Dies müsse die Landespolitik verhindern, so die Forderung. Außerdem fehle es, wie in der Studie bemängelt, an Bildungs- und Vernetzungsprogrammen für Jungbauern.

Die Studie und die teilweise hitzige Auseinandersetzung bei ihrer Vorstellung zeigten, dass die GRÜNE-Fraktion eine dringend notwendige Debatte angestoßen hat. Es geht um die Frage, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen für Mensch, Umwelt, Tiere und Landwirtschaft künftig unsere Nahrungsmittel produziert werden können und sollten und wie es gelingen kann, dass Leben im ländlichen Raum und insbesondere die Arbeit in der Landwirtschaft so an Attraktivität gewinnen können, dass sie eine Zukunft haben.

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