Datum: 28. Juni 2022

Podiumsdiskussion „Gemeinschaftsschulen für alle!“ am 28. Juni 2022 in Dresden

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Am 28. Juni 2022 lud die BÜNDNISGRÜNE Landtagsfraktion zur inzwischen dritten Veranstaltung unter dem Titel „Gemeinschaftsschulen für alle!“ in das Bürgerbüro Dresden-Johannstadt des Abgeordneten Thomas Löser am Bönischplatz ein. Nach Podiumsdiskussionen in Leipzig und Bautzen kam die bildungspolitische Sprecherin der Fraktion, Christin Melcher, nun in der Landeshauptstadt mit Referent*innen und Gästen ins Gespräch und diskutierte: Eine Schule für alle, (wie) geht das? Wo in Sachsen ergibt die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule oder Oberschule+ Sinn, wie ist die Ausgangslage in Stadt und Land? Und welche Veränderungen braucht es hinsichtlich des Lehramtsstudiums, der Lehrer*innen-Rolle, des Unterrichts, des Bildes vom Kind?

Als Referent*innen konnten wir begrüßen: Prof.‘in Dr. Anke Langner vom Universitätsschule Dresden e.V., zugleich Leiterin des Forschungsprojekts Universitätsschule Dresden und Professorin für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Inklusive Bildung an der TU Dresden, den Vorsitzenden des StadtSchülerRates, Oscar Jandura, die Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Stadtrat Dresden, Agnes Scharnetzky, sowie Nino Haustein, Lehrer an der Universitätsschule Dresden. Christin Melcher führte als Moderatorin durch den Abend.

„Unter den Schülerinnen und Schülern wird gespannt geschaut: Ist das eine Option für mich?“ (Oscar Jandura)

Nino Haustein sagte rückblickend, dass er die Einführung der Gemeinschaftsschule im Schulgesetz mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt habe. Er habe Unterschriften für den Volksantrag gesammelt, der gefundene politische Kompromiss sei für den ländlichen Raum aber schwierig. Erleichtert zeigte sich Agnes Scharnetzky: Nach harten Debatten stehen die ersten beiden Gemeinschaftsschulen für Dresden in den Startlöchern, für sie sei die neue Schulform Ausweis des Eltern- und Familienwillens: Wir wollen Durchlässigkeit, Flexibilität und gemeinsames Lernen. Oscar Jandura stellte fest, dass die neue Schulform schul- und schulartübergreifend ein großes Thema sei und insbesondere der Wegfall der Bildungsempfehlung begrüßt werde. Prof.‘in Langner räumte ein, dass sie lange nicht an den Erfolg des Volksantrags geglaubt habe, aber froh sei, dass längeres gemeinsames Lernen nun auch in Sachsen möglich sei. Für die Universitätsschule sei dieses Konzept grundlegend. Ziel sei es, individuelle Lernwege zu eröffnen, ohne schulische Schubladen aufzumachen, etwa aufgrund sonderpädagogischen Förderbedarfs oder einer bestimmten Bildungsempfehlung.

„Changemanagement an Schule ist immer so ‘n Ding.“ (Agnes Scharnetzky)

Agnes Scharnetzky konstatierte, dass Schule oftmals ein starres Gebilde sei und trotz Generationswechseln und breitem gesellschaftlichen Konsens für Veränderung beständig bleibe. Für kommunale Schulträger stelle insbesondere die geforderte Vierzügigkeit bei der Einrichtung einer Gemeinschaftsschule eine große Herausforderung dar. Für die beiden Gemeinschaftsschulen in der Stadt ab dem neuen Schuljahr hätten Kompromisse bei der Raumplanung gefunden werden müssen, sonst sei eine so große Schule kaum umzusetzen. Den Vorteil einer öffentlichen Trägerschaft sah die Professorin insbesondere darin, „ins öffentliche Schulsystem wirken zu können“. Die Vierzügigkeit sah auch sie als Problem. Sie kritisierte, dass jedes Unternehmen eine Entwicklungsabteilung hätte, Schulen aber alle gleichbehandelt würden, auch wenn sie neue Wege beschreiten und erproben wollen. Entwicklung und neue Elemente im System müssten gezielt gefördert werden. Nino Haustein bekräftigte, dass die Universitätsschule weiteres Unterstützungspersonal bräuchte. Grundsätzlich sei das bessere Gehalt an Schulen in öffentlicher Trägerschaft ein Vorteil, freie Träger hätten dagegen bei der Ausstattung der Schule die Nase vorn. Oscar Jandura ergänzte mit Blick auf Stadt und Land, dass das Interesse an der Gemeinschaftsschule auch im ländlichen Raum gegeben sei, was Agnes Scharnetzky bestätigte. Der Schülersprecher machte aber Unterschiede zwischen den Schularten aus: Schüler*innen an Oberschulen seien offener für das Konzept, Schüler*innen an Gymnasien etwas verhaltener.

„Ich bin Moderator, Gesprächsbegleiter, Erklärer – nicht der klassische Lehrer“ (Nino Haustein)

Nino Haustein gewährte im Anschluss Einblicke in die praktische Arbeit der Universitätsschule. Als größte Herausforderung sah er die Arbeit auf mehreren Anforderungsniveaus. Das Thema Binnendifferenzierung sei für Lehrkräfte aller Schularten eine Hürde und müsse in der Aus- und Fortbildung mehr Raum einnehmen. Agnes Scharnetzky hielt den Klassenteiler für zu hoch, um erfolgreich binnendifferenziert zu unterrichten. Auf die Frage, ob der Leitfaden zur Einrichtung der Gemeinschaftsschule hilfreich gewesen sei, konstatierte Prof.‘in Langner: „Das ist Verwaltung, das hat nicht mit Schule zu tun.“ Überhaupt könnten Schulverwaltung, aber auch Wissenschaft nichts anbieten, um Schule zu entwickeln – das müsse in der Praxis passieren. Ziel seien Formate, die es erlauben, von der Gleichschrittigkeit und Gruppenbildung abzuweichen. Oscar Jandura schloss an, dass Gemeinschaftsschulen eine Chance seien, das Beste aus allen Schulformen zusammenzuführen, Nino Haustein ergänzte, dass die Beratung der Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern zum individuellen Bildungsweg konzeptionell verankert werden müsse. Prof.‘in Langner räumte mit dem Vorurteil auf, dass leistungsstarke Schülerinnen und Schüler in Gemeinschaftsschulen ausgebremst werden würden. Das sei ein typisches sächsisches Argument, empirisch aber widerlegt. Peer Teaching sei ein gutes Format, von dem alle profitieren könnten – und das nebenbei Problemlösungskompetenz, soziale Kompetenz und Selbstwirksamkeit bestärke.

„Eine Erkenntnis ist klar und transferierbar: Die Schulleitung muss organisatorisch mutig sein.“ (Prof. Dr. Anke Langner)

In einem letzten Themenblock ging es um die Lehramtsausbildung und die Lehren und Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Begleitung der Universitätsschule. Oscar Jandura sah in der grundsätzlichen Bereitschaft, etwas Neues umzusetzen, den wichtigsten Schlüssel zum Erfolg. Agnes Scharnetzky betonte, dass es ohne Zweifel Optimierungsmöglichkeiten in der Ausbildung gäbe, aber nicht alles in einem Studium vermittelt werden könne – die Persönlichkeit müsse passen. Dass das Lehramtsstudium zu wenig Praxisphasen beinhaltet, sah Nino Haustein als größtes Manko. Er wünsche sich ein Praxissemester und die Chance, bereits im Studium mehrere Schularten kennenzulernen, etwa durch die Wahl der Orte für Praktika. Für Lehrer*innen, die bereits im Schuldienst tätig sind, bräuchte es neben mehr Fortbildungen zu Themen wie Binnendifferenzierung auch eine bessere Vorbereitung auf die Arbeit in multiprofessionellen Teams. Dass dafür eine einheitliche Leitung wichtig ist, machte Prof.‘in Langner klar. Zudem müsse die Schulleitung auch echte Entscheidungsbefugnisse haben. Für die wissenschaftliche Begleitung der Universitätsschule – als Schulversuch wie als Gemeinschaftsschule – bräuchte es mehr (Wo)Man-Power, damit sie nicht nur „nebenher“ liefe, sondern fundierte transferierbare Ergebnisse liefere. Agnes Scharnetzky stellte mit Blick auf die aktuelle Situation in Dresden fest, dass es grundsätzlich eine Offenheit gäbe, weitere Standorte ins Gespräch zu bringen, aber: „Wir sind nicht schlecht beraten, uns das erstmal anzuschauen“. Die hohen Anmeldezahlen an den neuen Gemeinschaftsschulen zeugten von einer großen Nachfrage, hätten aber auch viele Absagen und damit Enttäuschungen zur Folge. Sie wünsche sich zunächst Leuchttürme, die ausstrahlen und andere dazu bewegen, sich auf den Weg zu machen.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum im Bürgerbüro ging es um die Notengebung, um Bewerberlage und Personalausstattung an der Universitätsschule, um die Lehramtsausbildung und Reformpädagogik, um Standortentwicklungskonzepte und gesetzliche Rahmenbedingungen. Nachdem Christin Melcher mit einem Ausblick die Runde auf dem Podium beendete, kamen Referent*innen und Gäste im Anschluss ungezwungen ins Gespräch, um Fragen und Gedanken zu vertiefen oder Kontakte auszutauschen.

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