Datum: 04. Juli 2022

Podiumsdiskussion „Gemeinschaftsschulen für alle!“ am 4. Juli 2022 in Markranstädt

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Am 4. Juli 2022 lud die BÜNDNISGRÜNE Landtagsfraktion zu einer weiteren Veranstaltung unter dem Titel „Gemeinschaftsschulen für alle!“ in die Stadthalle Markranstädt ein. Nach gleichlautenden Runden in Leipzig, Bautzen und Dresden diskutierte die bildungspolitische Sprecherin Christin Melcher mit ihren Podiumsgästen nun mit Blick auf den Landkreis Leipzig: Eine Schule für alle, (wie) geht das? Wo in Sachsen ergibt die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule oder Oberschule+ Sinn, wie ist die Ausgangslage in Stadt und Land? Und welche Veränderungen braucht es hinsichtlich des Lehramtsstudiums, der Lehrer*innen-Rolle, des Unterrichts, des Bildes vom Kind?

Als Referent*innen kamen zusammen: Prof.‘in Dr. Gerlind Große, Mitbegründerin der Leipziger Modellschule (LEMO), Geschäftsführerin der Leipziger Modell gGmbH und Inhaberin der Professur für „Frühkindliche Bildungsforschung“ an der FH Potsdam, Nadine Stitterich, Bürgermeisterin der Stadt Markranstädt, Tommy Penk, Vorsitzender der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Kreistag Landkreis Leipzig und Stadtrat in Markranstädt, Lea-Sophie Hofmann, Vorsitzende des Kreisschülerrates Landkreis Leipzig, und Franz Vogt, Lehrer an einem Leipziger Gymnasium. Christin Melcher führte als Moderatorin durch den Abend.

„Das war für uns ein Krimi im letzten Jahr!“ (Prof. Dr. Gerlind Große)

Zunächst warfen die Gäste einen Blick zurück und ordneten ein, wie sie die Verankerung der Gemeinschaftsschule und der Oberschule+ im Schulgesetz 2021 erlebt haben. Franz Vogt resümierte, dass er das Thema zunächst nur am Rande und als eine Meldung unter vielen wahrgenommen habe. Die Meinungen in seinem Umfeld wären sehr unterschiedlich. Nadine Stitterich stellte dar, dass sie damals neu im Amt als Bürgermeisterin gewesen sei und das Thema Gemeinschaftsschule zunächst eher als interessierte Mutter verfolgt habe. Dass das Thema im Landtagswahlkampf 2019 eine große Rolle gespielt hat, bestätigte Tommy Penk. Für ihn sei die Gemeinschaftsschule in erster Linie eine Chance zum Erhalt von Schulstandorten. Lea-Sophie Hofmann erinnerte daran, dass die Schüler*innenschaft die Einführung der neuen Schulart unterstützt habe. Als erste Gemeinschaftsschule wurde 2021 die LEMO genehmigt. Professorin Große erzählte aus der Gründungszeit, dass man zunächst zweigleisig gefahren sei und auch eine Genehmigung als Grund- und Oberschule erwogen habe, da auch die Schulbehörden aufgrund mangelnder Erfahrung zunächst keine Hilfestellung für die Einrichtung einer Gemeinschaftsschule geben konnten. Grundsätzlich sei das längere gemeinsame Lernen in der LEMO ein Grundgedanke, der sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Vorteile biete.

„Die Gemeinschaftsschule wird in Stadt und Land unterschiedlich diskutiert. Da sind wir im ländlichen Raum vielleicht etwas träge.“ (Tommy Penk)

Fotos: Kristen Stock

Bezüglich der Schulträgerschaft gab Tommy Penk zu bedenken, dass die kommunalen Haushalte ohnehin stark belastet seien. Um die Voraussetzungen für Gemeinschaftsschulen zu schaffen, müsse „draufgesattelt“ werden. Frau Stitterich unterstrich, dass man im ländlichen Raum andere Voraussetzungen habe als in Mittel- und Oberzentren. In Markranstädt gäbe es drei Grundschulen, die Oberschule und das Gymnasium befänden sich an einem Standort. Es sei alles vorhanden, was benötigt werde. Für Veränderungen in der Infrastruktur bräuchte es viel Geld, bei notwendigen Neubauten hingegen wäre das Konzept des längeren gemeinsamen Lernens einfacher zu berücksichtigen. Professorin Große schätzte an der freien Trägerschaft der LEMO insbesondere die Freiheiten in der konzeptionellen Ausrichtung, an Schulen in öffentlicher Trägerschaft müssten dabei oft „zähe Prozesse“ durchgestanden werden. Als Vorteil sah sie zudem, dass sie auch nach der Einrichtung der Schule das Konzept „nicht aus der Hand geben“ müssten, etwa bei der Einstellung des passenden Personals – „Es steht und fällt mit den Menschen, die das umsetzen“. Als zentralen Nachteil der freien Trägerschaft nannte sie die finanzielle Lage, die mitunter schwere Zugänglichkeit zu Fördertöpfen und das Angewiesen-Sein auf Drittmittel und Förderer. Franz Vogt, der zunächst selbst an einer Schule in freier Trägerschaft tätig war, bestätigte, dass freie Träger mit Inhalten überzeugen müssten. Die finanzielle Lage hätte sich durch die Verbeamtung von Lehrkräften im Schuldienst öffentlicher Schulen noch verschärft. Gleichzeitig mahnte er, dass die Konzeptarbeit mit der Entscheidung für die Gemeinschaftsschule nicht ende – „längeres gemeinsames Lernen allein macht noch keine moderne Schule“. Im Vergleich der verschiedenen Schularten konstatierte Lea-Sophie Hofmann, dass Gymnasiast*innen mehr Vorbehalte mit Blick auf die Gemeinschaftsschule hätten, Oberschüler*innen hingegen aufgeschlossener seien. Einen Vergleich zwischen Stadt und Land zog Tommy Penk: Auch wenn Eltern das Thema gleichermaßen adressierten, würde es im ländlichen Raum weniger forciert vorangetrieben als in den Ballungszentren.

„Ich erhoffe mir und erwarte eine stärkere Unterstützung der Stärkeren für die Schwächeren.“ (Lea-Sophie Hofmann)

In einem dritten Themenblock warfen die Podiumsgäste einen Blick in die Praxis. Prof.‘in Große machte klar, dass die Lehrkräfte an Gemeinschaftsschulen sehr gefordert seien und die bekannten didaktischen Methoden nicht ausreichten, ein individuelles, selbstgesteuertes Lernen zu begleiten. An der LEMO teile sich der Schultag in Lern- und Projektzeiten, Reflexion und Angebotszeiten, bis Klasse 8 gäbe es keine Noten. Damit ginge auch ein anderes Bild der Lehrkraft einher: von der fachlich versierten Lehrkraft hin zum bzw. zur Expert*in für das Lernen. Der von der Schulbehörde entwickelte „Leitfaden zur Einrichtung von Gemeinschaftsschulen“ sei bisher kaum eine Hilfe gewesen, da er auf staatliche Schulen zugeschnitten sei. Das würde sich ändern, wenn die ersten Schüler*innen der LEMO in die Sekundarstufe II kommen, da es dafür mehr zentrale Vorgaben gäbe als für die Primarstufe und die Sekundarstufe I. Lea-Sophie Hofmann sah im gemeinsamen Unterricht vor allem Vorteile für das soziale Lernen, bei dem die Schwächeren von den Stärkeren profitierten und somit alle die Chance auf einen besseren Abschluss hätten. Der gemeinsame Schulstandort von Oberschule und Gymnasium in Markranstädt zeichne sich laut Nadine Stitterich durch eine gute Kommunikation aus, auch gemeinsame Projekte fänden statt. Eine „echte“ Gemeinschaftsschule hätte darüber hinaus den Vorteil, den Leistungsdruck zu lindern und den Kindern den schwierigen Schulwechsel nach Klasse 4 zu ersparen. Zu diesem Zeitpunkt könne man noch nicht wissen, wie sich der weitere Bildungsweg entwickle. Unabhängig von der äußeren Organisation sei der Klassenverband wichtig, der Zusammenhalt untereinander und die gegenseitige Unterstützung.

„Es ist das eine, theoretisch zu wissen, was passieren sollte, es ist was anderes, vor einer Klasse mit 28 Schülern zu stehen“ (Franz Vogt)

In einem letzten Themenblock ging es um die Lehramtsausbildung. Lea-Sophie Hofmann schätzte ein, dass die Lehrkräfte sehr kritisch seien und statt neuer Konzepte klare Vorgaben bevorzugen würden. Eine große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis machte Franz Vogt aus, der 2016 sein Lehramtsstudium in Leipzig abgeschlossen hat: Oftmals kämen die wichtigen Erkenntnisse erst im Referendariat. Heterogenität und Binnendifferenzierung blieben im Studium und darüber hinaus eher theoretische Begriffe, die sich in der Praxis, auch aufgrund großer Klassen, kaum anwenden ließen. Nötig sei es, Schulen anders zu bauen und kleinere Klassen zu bilden, damit individuelles Lernen möglich wird. Fortbildungen müssten praxisnah erfolgen. Auch wenn eine Gemeinschaftsschule Lehrkräfte vor große Herausforderungen stelle: Sowohl Oberschulen als auch Gymnasien hätten mit je eigenen, akuten Problemlagen zu kämpfen, das System „fahre mehr und mehr gegen die Wand“. Da könne die neue Schulart eine pragmatische Alternative darstellen. Prof.‘in Große bestätigte, dass die Lehrkräfte nicht in der nötige Breite ausgebildet und Fortbildungen wichtig seien – „Manches geht nicht sofort, wir müssen das gemeinsam entwickeln“. Wege gäbe es etwa durch Hospitationen, die Nutzung von Lernplattformen und spezifischen Weiterbildungen. Geplant sei, die Arbeit der LEMO künftig wissenschaftlich zu begleiten, zunächst sei es darum gegangen, „dass sich alles findet“. Beispielhaft sei eine Studie geplant zur Frage, wie sich Achtsamkeit der Lehrkräfte auf den Unterricht auswirke.

„Wir verschließen uns der Gemeinschaftsschule nicht. Ziel ist es, gute Bildung vor Ort zu ermöglichen.“ (Nadine Stitterich)

Mit Blick auf die aktuelle Situation vor Ort resümierte Nadine Stitterich, dass man sich dem Konzept nicht verweigere, man aber auch die Hürden berücksichtigen müsse. Tommy Penk nannte einige Orte im Landkreis, u.a. Frohburg und Geithain, in denen eine Oberschule+ denkbar wäre; auch einige freie Träger zeigten sich interessiert. Für eine Umsetzung bräuchte es jedoch andere bauliche Gegebenheiten und eine höhere Förderquote beim Schulhausbau. Überlegenswert sei aus seiner Sicht eine Gemeinschaftsschule in Trägerschaft des Landkreises, so dass der Eigenanteil gestemmt und die Schülerströme besser koordiniert werden könnten. Ansonsten bliebe die Gemeinschaftsschule ein Thema für die Mittel- und Oberzentren.

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, wie wichtig den Beteiligten das optionale Modell ist, damit die neue Schulform nicht einfach „übergestülpt“ wird, wenn es vor Ort keinen Konsens darüber gibt. Prof.‘in Große warb in diesem Zusammenhang für eine gute Elternkommunikation, um Ängste zu nehmen – insbesondere, um mit dem hartnäckigen Vorurteil aufzuräumen, starke Schüler*innen würden nicht von Heterogenität profitieren. Für die Zukunft äußerte sie den Wunsch, die Prüfungsformate und die Curricula der Schulen zu ändern und auf Noten zu verzichten, um mehr lebensweltorientiertes Lernen zu ermöglichen. Tommy Penk wünschte sich, dass die Gemeinschaftsschule „Standard“ wird, Franz Vogt, dass sie einen ganzen Jahrgang durchläuft, damit „Kinderkrankheiten“ überwunden werden könnten. Letztlich könnten von Elementen und Erkenntnissen aus dem längeren gemeinsamen Lernen alle Schulen und Lehrkräfte profitieren, auch wenn sie nicht selbst Gemeinschaftsschule sind oder werden bzw. an einer solchen arbeiten.

Im Anschluss kamen Referent*innen und Gäste ungezwungen ins Gespräch, um Fragen und Gedanken zu vertiefen oder Kontakte auszutauschen.

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