Datum: 12. Mai 2026

MINT-Hub Sachsen: Es geht weniger um Inhalte als um eine Verschiebung von Verantwortung und Einfluss

Redebeitrag der bildungspolitischen Sprecherin Christin Melcher (BÜNDNISGRÜNE) zur Aktuellen Debatte zum Thema „Mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern stärken — MINT-Hub Sachsen“ gemeinsam mit der sächsischen Wirtschaft mit Leben erfüllen.“

28. Sitzung des 8. Sächsischen Landtags, Dienstag, 12.05.2026, TOP 3

– Es gilt das gesprochene Wort –

 

 

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

 

mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu stärken – das ist ohne Zweifel ein richtiges Ziel.

Denn wir reden hier über die Frage, wie junge Menschen befähigt werden, eine zunehmend technologische und zugleich ökologisch herausfordernde Welt mitzugestalten.

 

Die neue Vereinbarung zwischen Kultusministerium und der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft formuliert genau diesen Anspruch: mehr MINT-Bildung, praxisnah und flächendeckend.

Das klingt gut.
Aber wie so oft lohnt sich der Blick hinter die Überschrift.

 

Denn die Ziele dieser Vereinbarung sind keineswegs neu.

Praxisnähe, Kooperation zwischen Schule und Wirtschaft, Berufsorientierung, MINT-Förderung – all das gibt es in Sachsen bereits seit Jahren.

Und zwar erfolgreich.

 

Seit langem existiert eine gewachsene Struktur mit regionalen Koordinierungsstellen, dem Arbeitskreis SCHULEWIRTSCHAFT Sachsen und der Landesarbeitsstelle Schule-Jugendhilfe Sachsen, kurz LSJ.

 

Über diese Struktur arbeiten Schulen, Kammern, Kommunen, Wirtschaft und Bundesagentur für Arbeit verlässlich zusammen – gerade auch im ländlichen Raum.

 

Das Entscheidende dabei:
Diese Struktur wurde nicht zufällig aufgebaut.

Nachdem die Aufgaben bis 2019 beim VSW lagen und dort eben nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt wurden, hat das Kultusministerium die Verantwortung bewusst an den LSJ übertragen.

Und das war richtig.

Denn dort wurden funktionierende Netzwerke aufgebaut, Kooperationen entwickelt und Berufsorientierung fachlich weiterentwickelt.

 

Deshalb stellt sich heute eine einfache Frage:

Warum dreht man diesen Schritt jetzt wieder zurück?

Denn Probleme wurden nicht benannt.
Weder Schulen noch Landkreise noch Kammern haben erklärt, dass die bestehenden Strukturen nicht funktionieren würden.

Im Gegenteil: Vieles läuft gut.

Und genau deshalb müssen wir offen aussprechen:
Hier geht es weniger um neue Inhalte als um eine Verschiebung von Verantwortung und Einfluss.

Das wirft Fragen auf.

 

Zum Beispiel: Warum soll künftig ausgerechnet die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft die koordinierende Rolle übernehmen, obwohl bestehende Strukturen diese Aufgabe bereits erfolgreich erfüllen?

Und warum wurden diejenigen, die diese Arbeit über Jahre aufgebaut haben, nicht einmal ernsthaft beteiligt?

 

Der LSJ Sachsen und die regionalen Koordinierungsstellen wurden bei dieser weitreichenden Entscheidung weder eingebunden noch angehört.

 

Das ist kein gutes Verfahren.
Und ehrlich gesagt auch keine Frage von Formalien, sondern von Respekt gegenüber geleisteter Arbeit.

 

 

Kolleginnen und Kollegen,

bei aller Kritik an der Strukturverschiebung bleibt die eigentliche Aufgabe dennoch zentral:

Wie stärken wir MINT-Bildung wirklich?

 

Denn auch wenn Sachsen im IQB-Bildungstrend weiterhin vergleichsweise gut abschneidet, sehen wir gleichzeitig:
Die Kompetenzen sinken – auch bei uns.
Und vor allem sinkt das Interesse an MINT-Fächern.

 

Genau das ist der entscheidende Punkt.

Denn gute Leistungen entstehen nicht durch Verordnungen allein.
Sie entstehen dort, wo Neugier geweckt wird.
Wo Lernen als sinnvoll erlebt wird.

Und wo junge Menschen verstehen, warum Mathematik, Naturwissenschaften oder Technik etwas mit ihrem eigenen Leben und ihrer Zukunft zu tun haben.

 

Deshalb ist die stärkere Vernetzung von Schule mit außerschulischen Partnern grundsätzlich richtig.
Praxisnähe kann Motivation schaffen.
Projekte können Lernen greifbar machen.

 

Als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN unterstützen wir diesen Ansatz deshalb ausdrücklich – aber mit klaren Erwartungen.

 

Erstens: Der Zugang muss für alle offen sein.

MINT-Förderung darf nicht nur diejenigen erreichen, die ohnehin schon privilegiert sind oder früh Zugang dazu hatten.

Gerade Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Familien oder Regionen brauchen niedrigschwellige Angebote und verlässliche Unterstützung.

 

Zweitens: Kooperation braucht klare Leitplanken.

Ja, die Zusammenarbeit mit Unternehmen kann sinnvoll sein.
Aber Bildung bleibt ein öffentlicher Auftrag.

Deshalb müssen Inhalte, Qualitätsstandards und pädagogische Ziele klar durch die Bildungsseite definiert werden – nicht durch kurzfristige Fachkräfteinteressen.

 

Und drittens: Zukunftsorientierung heißt auch Nachhaltigkeit mitzudenken.

Wenn wir über Künstliche Intelligenz, Robotik oder neue Technologien sprechen, dann müssen wir auch darüber sprechen, wie diese Technologien zur Bewältigung der Klimakrise, zur Ressourcenschonung und zu einer nachhaltigen Wirtschaft beitragen können.

 

Denn Zukunftskompetenz bedeutet mehr als reine Technikkompetenz.

Und schließlich gilt:

Zusätzliche Projekte ersetzen keinen guten Unterricht.

Ein MINT-Hub kann Schule ergänzen.

Aber er kann keinen Unterrichtsausfall kompensieren und keinen Lehrkräftemangel lösen.

 

Deshalb gehört beides zusammen: innovative Angebote und eine starke schulische Basis.

 

 

Lassen Sie mich zum Schluss kommen.

Der Erfolg dieser Vereinbarung wird sich nicht daran messen lassen, wie viele Projekte gestartet werden oder wie modern die Überschrift klingt.

Er wird sich daran messen lassen, ob wir wirklich mehr junge Menschen für MINT begeistern.
Ob wir Teilhabe stärken.
Und ob wir Bildung zukunftsfähig gestalten.

 

Die Ziele sind richtig.
Neu sind sie allerdings nicht.

 

Entscheidend ist deshalb nicht die nächste Strukturreform, sondern dass wir gemeinsam an guter Bildung arbeiten.

Vielen Dank.