Serumwerk Dresden: Jetzt müssen Taten folgen
Redebeitrag des Abgeordneten Thomas Löser (BÜNDNISGRÜNE) zur Intervention des Ministerpräsidenten Michael Kretschmer anlässlich der geplanten Schließung des Serumwerks Dresden.
33. Sitzung des 8. Sächsischen Landtags, Mittwoch, 16.09.2026
– Es gilt das gesprochene Wort –
Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,
Letzte Woche erreichte uns die Botschaft von der außerordentlicher Betriebsversammlung. Der Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) will seinen Standort in Dresden bis zum Sommer 2028 schließen. Da kann man sich vorstellen, wie es den Mitarbeitenden geht, welche Gespräche zu Hause geführt werden.
Es ja gerade leider nicht so, dass es der Industrie blendend ginge und man schnell wieder etwas Neues findet. Grund sei die weltweit rückläufige Nachfrage sowie bestehende Überkapazitäten, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte.
Betroffen sind demnach alle rund 650 Mitarbeitende in Dresden. Bevor wir zum wichtigen Thema Arbeitsplätze kommen, möchte ich aber doch mal einen Blick in die Geschichte des Unternehmens werfen.
Es lohnt ein Blick auf das Unternehmen, ein Traditionsunternehmen aus Dresden und Sachsen. Es ist am Ende auch sächsische und auch Industriegeschichte.
Gründer war der Odol-König und Vater des Hygiene-Museums Karl August Lingner. Er gehörte zu den Industriellen Dresdens, denen Ende des 19. Jahrhunderts der Aufstieg zum Multimillionär und Stifter gelang. Er war ja Sozialrevolutionär und Unternehmer – das Lingnerschloss und sein Testament in Dresden sind ja Ausdruck dieses verantwortungsvollen Unternehmertums. Das Unternehmen stellte Impfstoffe unter anderem gegen Cholera, Ruhr und Typhus her und während des Ersten Weltkrieges vor allem ein Wundstarrkrampfserum, das in großen Mengen an der Front gebraucht wurde. Nach dem Krieg wurden Medikamente gegen Tuberkulose, Syphilis und Grippe entwickelt und produziert. Im Krieg wurde das Werk fast vollständig zerstört.
Doch schon kurz nach Kriegsende begann der Wiederaufbau.
Noch eine Besonderheit für Dresden: Es ist der einzige große Standort industrieller Produktion nahe der Innenstadt, neben der Gläsernen Manufaktur, aber die ist ja nun auch schon Industriegeschichte. Leider.
1970 wurde der Neubau am heutigen Standort zur Herstellung von Grippeimpfstoff neu errichtet. Das Sächsische Serumwerk Dresden war der einzige Hersteller von Influenza-Impfstoffen in der DDR und der größte pharmazeutische Betrieb sowie das Zentrum der Arzneimittelforschung in der DDR. Im Jahr 1992 übernahm mit SmithKline Beecham der Vorgängerkonzern von GlaxoSmithKline die Produktion. Der Name Sächsisches Serumwerk Dresden wurde noch bis 2008 beibehalten.
Wir sprechen nun also über 650 Arbeitsplätze, 650 einzelne Schicksale, 650 Menschen mit Familien, die zum Teil schon sehr lange im Werk arbeiten, bei den es jetzt große Verunsicherung und Ängste gibt. Was ist jetzt zu tun? Es ist gut, dass MP Kretschmer sich heute hier geäußert hat.
Aber jetzt müssen auch Taten folgen. Wir fordern das Unternehmen auf andere Produktlinien zu prüfen und dem Werk in Dresden eine Zukunft zu geben.
Wir fordern die sächsische Regierung auf, dass Gespräch mit dem Unternehmen zu suchen. Zu prüfen ob es Überbrückungen braucht, ob eine Übernahme durch anderes, am besten europäisches, deutsches Unternehmen denkbar wäre, oder ob es eine staatliche Beteiligung geben kann.
Nun sollte der Staat sich ja als Unternehmer generell zurückhalten, aber es geht ja hier auch Versorgungssicherheit. Die Globalisierung gerät weltweit an ihre Grenzen und die politischen Risiken werden neu bewertet. Wir erleben Unberechenbarkeit des Welthandels, einen bisweilen wahnsinnig agierenden US-Präsidenten, der mit Zöllen und Handelskriegen droht, übrigens ein Lieblingsfreund der AfD.
Wir denken heute auch das Thema Resilienz in Europa neu und überlegen, dass es vielleicht schlau ist, auch in Europa Kapazitäten für Arzneimittelproduktion vorzuhalten.
Das es vielleicht schlicht schlau ist unabhängig zu sein, von unsicheren Weltmärkten, von volatilen Rohstoffketten und von nationalistischen Entscheidungen undemokratischer Staatswesen. All das sind Gründe sich für den Fortbestand dieses wichtigen Betriebes im Herzen der Landeshauptstadt Dresden einzusetzen und zu sagen: Wir stehen an der Seite der Beschäftigten! Das Werk muss erhalten werden, ohne Wenn und Aber.
Der Sozialrevolutionär Lingner würde für seine Leute kämpfen, wir sollten es ihm gleichtun und uns für die Beschäftigten und für eine unabhängige sächsische Arzneimittelproduktion einsetzen!
Danke!