Tacheles: Jüdisches Leben gehört zu unserer Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Redebeitrag der Abgeordneten Dr. Claudia Maicher (BÜNDNISGRÜNE) zum BÜNDNISGRÜNEN-Antrag „Tacheles bleibt – jüdische Kultur in Sachsen dauerhaft stärken“
33. Sitzung des 8. Sächsischen Landtags, Mittwoch, 16.09.2026
– Es gilt das gesprochene Wort –
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen,
woran denken Sie, wenn Sie auf jüdische Kultur in Sachsen angesprochen werden? Ich glaube das ist sehr unterschiedlich. Und ich denke unser Wissen darüber, wie vielfältig und lebendig jüdische Kultur in Sachsen ist, hat in diesem Jahr einen großen Sprung gemacht.
Das Themenjahr „Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen“ zeigt eindrucksvoll jüdische Gegenwart und Geschichte. Mehr als 900 Veranstaltungen in über 80 kleinen und großen Städten haben bereits stattgefunden: Konzerte, Ausstellungen, Gespräche, Performances, Stadtrundgänge, Lesungen und Filmvorführungen und noch Vieles mehr.
Mehr als 250 Kultureinrichtungen, Theater, Museen, Galerien, Clubs, soziokulturelle Zentren, Religionsgemeinschaften, Bibliotheken und Forschungseinrichtungen haben sich beteiligt. Das zeigt, welche Breite und Strahlkraft das Themenjahr entwickelt hat. Besonders bemerkenswert finde ich, wie oft dabei eine Brücke geschlagen wurde: zwischen der Erinnerung an das, was an jüdischem Leben, an Orten und Kulturzeugnissen verloren ging, und dem, was jüdisches Leben heute ausmacht.
Das Themenjahr zeigt, wie wir die Mahnung, die Erinnerung an Vernichtung und Zerstörung vor der eigenen Haustür wachhalten können. Das bleibt unverzichtbar – gerade angesichts eines Antisemitismus, dem wir entschieden entgegentreten müssen.
Aber „Tacheles“ macht zugleich auch zeitgenössische jüdische Kultur und junge jüdische Akteurinnen und Akteure sichtbar. Darin liegt für mich ein besonderer Wert: Jüdische Kultur wird nicht allein über die Vergangenheit und die Wiederentdeckung von Spuren erzählt. Viele Menschen können sie unmittelbar erleben und die Vielfalt ihrer religiösen, künstlerischen, gesellschaftlichen und dabei auch widersprüchlichen Facetten kennenlernen.
In dieser Gesamtheit zeigt „Tacheles“: Jüdisches Leben gehört zu unserer Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Es ist selbstverständlicher Teil eines offenen, demokratischen und vielfältigen Freistaates Sachsen.
Auch die heutige Feierstunde zu 100 Jahren Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden hier im Landtag hat dafür ein wichtiges Zeichen gesetzt: Jüdisches Leben ist Teil Sachsens.
Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, hat die Wirkung des Themenjahres bereits in der ersten Jahreshälfte treffend beschrieben. Die jüdischen Gemeinden hätten gespürt, dass sie sich nicht in isolierter kultureller und religiöser Einsamkeit befinden, sondern ein unverzichtbarer Teil der sächsischen Kultur insgesamt sind.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
daraus erwächst für uns die Verantwortung, diesen wichtigen Teil unserer Kultur auch über das Themenjahr hinaus zu stärken.
Mit unserem Antrag machen wir BÜNDNISGRÜNE einen Vorschlag, wie das gelingen kann.
Wir werden in diesem Herbst intensiv über den nächsten Doppelhaushalt beraten. Klar ist: Ein besonderes Themenjahr lässt sich nicht einfach in gleicher Intensität fortschreiben. Aber wir sollten dafür sorgen, dass das Engagement, die neuen Verbindungen und das gewachsene Interesse an so vielen Orten nicht mit dem Jahresende verschwinden.
Deshalb wollen wir die Staatsregierung beauftragen, gemeinsam mit jüdischen Organisationen und den kulturellen Netzwerken ein langfristig wirksames Konzept zu entwickeln. Dabei sollten wir die Erfahrungen dieses Jahres nutzen: Welche Formate haben sich bewährt? Was brauchen Initiativen, damit Angebote auch künftig in der Fläche stattfinden können? Welche Strukturen helfen verlässlich?
Dabei geht es um finanzielle Förderung, aber ebenso um Beratung, Koordination und Vernetzung. Denn wir wissen: Was in diesem Jahr an strukturellem Fortschritt, Expertise und Vertrauen entstanden ist, erhält sich nicht von allein – schon gar nicht in Zeiten, in denen viele Kulturakteure erheblichen finanziellen Druck spüren.
Ich halte zwei Punkte für besonders wichtig.
Erstens kann ich mir gut vorstellen, dass eine kleine, erfahrene und effiziente Anlaufstelle für die Koordination und Vermittlung bestehen bleibt. Gerade kleinere Initiativen und neue Projekte profitieren von einem landesweit erreichbaren Ansprechpartner.
Es liegt nahe, dafür an die im Themenjahr aufgebauten Kompetenzen und vor allem an das gewonnene Vertrauen anzuknüpfen.
An dieser Stelle möchte ich dem Projektteam im Staatlichen Museum für Archäologie noch einmal herzlich für seine Arbeit danken!
Der langfristige Erfolg hängt entscheidend davon ab, dass wir die neu aufgebaute Expertise einer kulturspezifischen Förderung und die Vernetzung innerhalb der Kunst- und Kulturlandschaft weiter nutzen. Deshalb werbe ich ganz klar dafür, diesen Förderschwerpunkt innerhalb der Kulturförderung des Freistaates fortzuentwickeln.
Das gilt auch für das Förderprogramm „Jüdisches Leben in Kunst und Kultur“ der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Das ist der zweite Punkt. Im Regierungsentwurf für den Doppelhaushalt 2027/28 ist es unter den Rasenmäher gekommen. Das geht so nicht. Darüber wäre im Haushaltsverfahren noch zu reden.
Auch bei der Landesausstellung 2029 sollte jüdische Geschichte und Kultur in Sachsen selbstverständlich mitgedacht werden.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich freue mich sehr, dass es gemeinsam mit den Fraktionen von CDU, SPD und LINKEN gelungen ist, eine Mehrheit für dieses Anliegen zu finden. Die großen Schnittmengen sind mit dem Änderungsantrag bekräftigt.
Er gibt etwas mehr Zeit für die Erarbeitung des Konzeptes. Das ist sinnvoll, denn eine sorgfältige Beteiligung der Akteure braucht genügend Zeit. Darüber hinaus werden die Leitplanken für das Konzept etwas offener formuliert. Die konkreten Schritte werden dann bei der Konzepterstellung mit den Beteiligten diskutiert.
Ich danke den Kolleginnen und Kollegen herzlich für dieses gemeinsame Bekenntnis.
Das Themenjahr hat viel in Bewegung gebracht. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass daraus etwas Dauerhaftes wächst – und dass jüdisches Leben und jüdische Kultur in Sachsen sichtbar, vielfältig und selbstverständlich bleiben.
Vielen Dank!