Bessere Bedingungen für Auszubildende – Melcher: Betreuung endlich verlässlich absichern
Redebeitrag der Abgeordneten Christin Melcher (BÜNDNISGRÜNE) zu den Anträgen der Fraktionen BÜNDNISGRÜNE und DIE LINKE „Zukunftschancen stärken, sicheren Wohnraum für Auszubildende schaffen“ (Drs 8/5595) bzw. „Wohnraum für Auszubildende sozial gerecht und nachhaltig gestalten“ (Drs 8/5554)
26. Sitzung des 8. Sächsischen Landtags, Mittwoch, 25.03.2026, TOP 12
– Es gilt das gesprochene Wort –
Sehr geehrter Herr Präsident,
werte Kolleginnen und Kollegen Abgeordnete,
Stellen Sie sich vor, Sie sind 16 oder 17 Jahre alt. Sie beginnen Ihre Ausbildung. Ein großer Schritt. Sie finden einen Betrieb, der sie ausbildet – in einem Beruf, der Ihnen liegt.
Und dann heißt es: Für die Berufsschule müssen Sie weg von zu Hause, mehrere Wochen. In eine andere Stadt. Die Frage ist dann nicht nur: Was lerne ich im Betrieb? Sondern ganz schlicht: Wo wohne, wo schlafe ich eigentlich? Und wie komme ich täglich pünktlich zu meinem Betrieb oder zur Berufsschule? Genau darüber reden wir heute.
Denn Ausbildung entscheidet sich nicht nur im Betrieb oder im Unterricht. Sie entscheidet sich auch an ganz praktischen Dingen: Wohnen, Mobilität, Betreuung.
Und da haben wir in Sachsen ein echtes Problem: In den Städten finden Auszubildende kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Im ländlichen Raum sind die Wege lang, die Verbindungen oft schwierig und Unterkünfte fehlen: Am Ort der Ausbildung, bei der Berufsschule oder während der Zeiten des Blockunterrichts.
Das sind unterschiedliche Herausforderungen, aber sie führen zum selben Ergebnis: Ausbildung wird unnötig schwer gemacht.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Was uns als BÜNDNISGRÜNEN hier besonders wichtig ist: Es ist nicht akzeptabel, dass der Freistaat sich bei der pädagogischen Betreuung, insbesondere von minderjährigen Auszubildenden, aus der Verantwortung zieht. Minderjährige, die fernab von zu Hause untergebracht sind, brauchen mehr als ein Bett. Sie brauchen Ansprechpartner, Verlässlichkeit, Begleitung. Alles andere ist keine Lösung. Es ist ein Risiko, das wir auf junge Menschen abwälzen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Frage der Unterkunft ist flächendeckend und systematisch zu lösen!
Die Staatsregierung stellt zwar einen Zuschuss für die Unterkunft der Auszubildenden zur Verfügung. Es gibt einen Zuschuss von 16 Euro pro Unterrichtstag über die Sächsische Schülerunterbringungsleistungsverordnung – SächsSchülULeistVO. Und im Übrigen sollen es aber die Betreiber richten. Bei der Betreuung, so heißt es, „beteiligen sich erfahrungsgemäß“ die Landkreise und kreisfreien Städte. Seit wann ist „erfahrungsgemäß“ eine verlässliche Größe in der verbindlichen Klärung von Verantwortlichkeiten?
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Aber es geht noch weiter: Wenn Sie mal mit mir einen Blick in die aktuelle Evaluation der Teilschulnetzplanung werfen, dann finden wir hier einen ständig wechselnden, bunten Strauß an Übernachtungsmöglichkeiten, von Wohnheimen über Pensionen, Hotels, Jugendherbergen und privat vermieteten Unterkünften, mit Kosten bis zu 55€ die Nacht. Das passt doch nicht zusammen und zeigt den dringenden Handlungsbedarf.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Wir lesen ständig vom Fachkräftemangel. In Zahlen. Und dann legen Sie diese Evaluation der Teilschulnetzplanung vor, in der nachzulesen ist, dass eine Stabilisierung des Angebotes im Grunde zu erwarten sei und kein starker Rückgang droht. Aber wer von Ihnen fragt die Jugendlichen, was sie alles beitragen müssen, um die Ausbildung zu machen?
Wer von Ihnen hört sich die Geschichten von ausfallenden Zügen, Fußwegen zum Bus, von ausfallenden Lampen und bröckelndem Putz in Wohnheimen, durchgelegenen Matratzen und vollen Gemeinschaftsbädern an? Realitäten, die in keiner Tabelle auftauchen aber entscheidend sind, wenn es darum geht, ob unsere Jungend gut ausgebildet werden kann und ob Fachkräftesicherung mehr ist als ein Schlagwort.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Fest steht: Die Unterbringung von Jugendlichen ist nicht gelöst. Und nein, das passt auch nicht zu dem, was politisch vereinbart wurde. Denn im Prozess zur Teilschulnetzplanung hat die Staatsregierung zugesagt: Wenn Standorte gebündelt werden, dann wird auch die Infrastruktur verbessert, Wohnen und Mobilität eingeschlossen. Das war die Grundlage für den Kompromiss. Heute müssen wir sagen: Dieses Versprechen steht noch aus.
Stattdessen sehen wir, dass Projekte für AzubiWohnen stocken, dass Zuständigkeiten unklar sind und dass wichtige Fragen einfach weitergereicht werden, an Kommunen, an Ausbilder, an die Engagierten in den Kammern, an die Eltern, an die Jugendlichen. Genau deshalb sagen wir: So kann es nicht bleiben. Mit unserem Antrag machen wir konkrete Vorschläge: Wir wollen alle Beteiligten an einen Tisch holen, um verbindliche Lösungen zu erarbeiten. Wir wollen, dass Förderprogramme wie die SchulInfraVO auch wirklich funktionieren und Projekte wirtschaftlich umgesetzt werden können. Azubis brauchen Unterkünfte während der Beschulung und während der berufspraktischen Ausbildung. Und wir wollen, dass die Betreuung minderjähriger Auszubildender endlich verlässlich abgesichert wird, auch finanziell!
Und, das ergänzend, da brauchen wir als Freistaat dann auch die konsequente Umsetzung. Da bitte ich Sie, liebe Kolleg*innen, auch mit Ihren Kolleginnen und Kollegen in den Kommunalparlamenten zu sprechen. Denn wenn dann vor Ort ein neues Wohnheim infrage gestellt und die Förderung dafür riskiert wird, wie in Dresden, kommen wir leider auch nicht weiter.
Denn am Ende geht es um etwas Grundsätzliches: Fachkräfte fallen nicht vom Himmel. Sie wachsen heran, wenn wir ihnen gute Bedingungen bieten. Und dazu gehört eben auch: ein bezahlbares Zimmer, ein sicherer Ort und jemand, der da ist, wenn es Fragen oder Probleme gibt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Sachsen befindet sich mitten in einer Neuausrichtung der Berufsschullandschaft. Diese Entscheidung fällt in einer Zeit, in der wir über den Fachkräftemangel nicht mehr nur diskutieren, sondern seine Folgen täglich spüren. Hier geht also nicht um einen Randaspekt. Hier geht es um die Frage, ob wir Ausbildung ernst nehmen. Wir stehen in der Verantwortung dafür zu sorgen, dass junge Menschen sagen können: Ja, ich will meine Ausbildung hier im Freistaat machen und ich kann das auch gut schaffen.
Diese Aufgabe ist groß und hört nicht beim Wohnraum auf. Gerade unter den Vorzeichen von Lehrermangel und demografischem Wandel ist unsere Aufgabe als Freistaat, die Voraussetzung für Berufliche Bildung aufrecht zu erhalten und stetig zu verbessern.
Ich bitte Sie um Unterstützung für unseren Antrag.
Vielen Dank.