Sachsens Schulen zukunftssicher aufstellen — Melcher: System überlasteter Lehrkräfte statt Trendwende
Redebeitrag der Abgeordneten Christin Melcher (BÜNDNISGRÜNE) zur Fachregierungserklärung von Kultusminister Conrad Clemens: „Sachsens Schulen zukunftssicher machen “
26. Sitzung des 8. Sächsischen Landtags, Mittwoch, 25.03.2026, TOP 3
– Es gilt das gesprochene Wort –
Sehr geehrter Herr Präsident,
werte Kolleginnen und Kollegen,
„Sachsens Schulen zukunftssicher machen“ – das ist ein starker Titel für eine Regierungserklärung. Er klingt nach Aufbruch, nach Gestaltungswillen, nach dem ernsthaften Versuch, die Herausforderungen unserer Zeit anzunehmen.
Und ich sage ausdrücklich: Dieser Anspruch ist richtig. Unsere Schulgemeinschaft verdient einen Aufbruch!
Aber die entscheidende Frage ist doch:
Wird die Politik, die wir aktuell erleben, diesem Anspruch wirklich gerecht? Denn wenn wir ehrlich sind, dann gibt es derzeit zwei sehr unterschiedliche Erzählungen über den Zustand unserer Schulen in Sachsen.
Da ist zum einen die Erzählung des Kultusministers, Herrn Clemens: Rekordeinstellungen – über 1.100 neue Lehrkräfte. Ein Maßnahmenpaket zur Unterrichtsabsicherung. Erste Erfolge beim Rückgang des planmäßigen Unterrichtsausfalls. Und solide Ergebnisse im bundesweiten Vergleich, insbesondere in den MINT-Fächern. Und ja – das gehört zur Wahrheit dazu: Sachsen steht formal nicht schlecht da. Aber eben nur formal. Denn wenn man sich die Sache etwas genauer anschaut, wird man sehen: Da gibt es noch eine zweite Erzählung. Eine anderen Blick:
Den der Lehrkräfte.
Den der Schülerinnen und Schüler.
Den der Gewerkschaften.
Diejenigen, die in den vergangenen Monaten zu Tausenden auf die Straße gegangen sind – in Leipzig, in Dresden und anderswo. Und ihre Botschaft lautet: Dieses System wird auf Verschleiß gefahren. Und diese Perspektive lässt sich nicht einfach wegwischen – im Gegenteil:
Wenn wir genauer hinschauen, dann wird deutlich, wie viel Substanz in dieser Kritik steckt. Schauen wir auf die aktuellen Zahlen: Der planmäßige Unterrichtsausfall ist leicht gesunken – von 3,7 auf 3,3 Prozent.
Das klingt zunächst nach einem Erfolg. Aber gleichzeitig ist der Ausfall an Grundschulen gestiegen – von 0,9 auf 1,4 Prozent. Und auch an beruflichen Schulzentren nimmt er zu. Der außerplanmäßige Unterrichtsausfall – also der, der durch Krankheit und Überlastung entsteht – liegt weiterhin bei 5,8 Prozent. Nahezu unverändert. Insgesamt bedeutet das: 9,1 Prozent des Unterrichts fallen aus.
Das ist keine echte Trendwende. Das ist eine Verschiebung innerhalb eines Mangelsystems.
Und wenn wir genauer hinschauen, woher diese leichte Verbesserung kommt, dann wird es noch deutlicher: Sie basiert maßgeblich auf rund 4.000 Abordnungen. Lehrkräfte, die ihre Schulen verlassen, um an anderer Stelle auszuhelfen. Die mehr unterrichten – und dafür andere Aufgaben zurückstellen müssen. Fachberatung, Schulentwicklung, Ausbildung.
Das Problem wird also nicht gelöst.
Es wird verschoben. Und zwar auf dem Rücken der Lehrkräfte.
Liebe Kolleginnen und Kollegen
wir wissen inzwischen sehr genau, wie es den Lehrkräften in diesem System geht. Denn es liegt eine der größten Arbeitszeitstudien vor, die es in diesem Bereich je gegeben hat – mit fast 4.000 Teilnehmenden. Und auch hier lohnt sich ein differenzierter Blick: Nein, nicht jede Lehrkraft arbeitet dauerhaft am Limit.
Aber:
Diejenigen, die Verantwortung tragen – Schulleitungen, Klassenleitungen, engagierte Teilzeitkräfte arbeiten systematisch über ihrer Belastungsgrenze. Die Arbeitsbelastung steigt im Verlauf des Schuljahres. Ferien dienen häufig nicht der Erholung, sondern dem Abarbeiten von Rückständen. Weniger als die Hälfte der Befragten fühlt sich nach den Ferien wirklich erholt. Und der vielleicht wichtigste Befund dieser Studie ist: Die größte Belastung entsteht nicht durch den Unterricht selbst. Im Gegenteil – Unterricht wird von vielen als sinnstiftend erlebt. Die eigentliche Belastung entsteht durch das Drumherum: durch Personalmangel, durch organisatorischen Aufwand, durch zusätzliche Aufgaben, für die schlicht die Ressourcen fehlen. Das ist die zentrale Erkenntnis: Wir haben ein System, das seine engagiertesten Kräfte strukturell überlastet. Und vor diesem Hintergrund müssen wir uns schon fragen: Sind die aktuellen politischen Antworten darauf ausreichend? Wenn die Antwort auf strukturelle Überlastung darin besteht, Abordnungen auszuweiten, Entlastungen nach hinten zu verschieben und zusätzliche Anforderungen zu stellen, dann bleibt das hinter dem Problem zurück.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
und an dieser Stelle will ich es ganz deutlich sagen: Was ist den aus den versprochenen Lehrenaus der Arbeitszeitstudie geworden? Bisher nichts! Sie Sind Dienstherr, werden Sie ihrer Verantwortung als Arbeitgeber gerecht! Und was ist aus den Entlastungen, die im Maßnahmenpaket angekündigt wurden geworden? Auch nichts! Sie verfahren nach dem Motto Zuckerbrot und Peitsche, bisher spüren die Lehrkräfte aber nur die Peitsche.
Das darf so nicht weiter gehen, liebe Kolleginnen und Kollegen.
Gehen Sie die strukturellen Probleme an und bleiben sie nicht bei den Sympthombekämpfung stehen, die verursachen nämlich gerade ziemlich viele Nebenwirkungen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie mich die zentralen Baustellen klar benennen:
Erstens: der Lehrkräftemangel.
Er ist real, und er ist strukturell. Abordnungen sind ein kurzfristiges Instrument. Aber sie ersetzen keine langfristige Strategie. Was wir brauchen, ist eine transparente, verlässliche Lehrkräftebedarfsprognose – und darauf aufbauend eine echte Personalstrategie für dieses Land.
Zweitens: multiprofessionelle Teams. Schulsozialarbeit ist auf Landesebene gesichert – das ist gut. Aber vor Ort bröckelt die Finanzierung. Wir brauchen mehr statt weniger Schulsozialarbeit. Schulen brauchen aber auch anderswo Entlastung: Schulassistenz und Schulverwaltungsassistenz, und Inklusionsassistenz sind unverzichtbar an Schulen mit gestiegenen Anforderungen. Schon oft versprochen, aber viel zu wenige und längst nicht langfristig abgesichert.
Drittens: der Ganztag. Ja, Sachsen hat viele Plätze. Aber Qualität entsteht nicht durch Quantität allein. Noch immer erleben wir vielerorts zwei Systeme:
Schule am Vormittag, Hort am Nachmittag – nebeneinander, nicht miteinander.
Und ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Rechtsanspruch, werden Mittel gekürzt. Das ist kein Aufbruchssignal. Das ist ein Rückschritt.
Viertens: das Schulnetz im demografischen Wandel. Die sinkenden Schülerzahlen sind eine Herausforderung – aber sie sind auch eine Chance. Für kleinere Lerngruppen. Für individuelle Förderung. Für neue pädagogische Konzepte. Und genau hier kommen wir zu einer Debatte, die dringend geführt werden muss – aber derzeit politisch blockiert wird: Der Vorstoß für längeres gemeinsames Lernen. Er wird angedeutet – und sofort wieder einkassiert.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
das wird der Tragweite dieser Frage nicht gerecht. Längeres gemeinsames Lernen ist keine ideologische Spielwiese. Es ist eine fachlich begründete Antwort auf die Realität in unseren Schulen.
Auf heterogene Lerngruppen.
Auf ungleiche Startbedingungen.
Auf den Wunsch nach mehr Bildungsgerechtigkeit.
Gemeinschaftsschulen und Oberschulen Plus zeigen längst, dass es funktioniert. Dass es angenommen wird. Dass es Qualität sichern kann. Gerade im ländlichen Raum bietet dieses Modell enorme Chancen: Schulstandorte erhalten, Ressourcen bündeln und gleichzeitig pädagogisch sinnvoll arbeiten. Wer diese Debatte aus parteipolitischen Reflexen beendet, vergibt eine echte Zukunftschance.
Fünftens – und das ist der verbindende Punkt:
Es fehlt an einer konsequent datengestützten Steuerung. Wir wissen zu wenig über die tatsächlichen Wirkungen vieler Maßnahmen. Wir erfassen zentrale Zusammenhänge nicht. Und wir evaluieren zu spät. Gerade bei den Abordnungen zeigt sich das deutlich: Wir greifen tief in das System ein –
aber wir wissen nicht einmal systematisch, welche Folgen das für Gesundheit, Motivation und Verbleib im Beruf hat. Das ist Steuerung im Blindflug.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
trotz aller Kritik will ich betonen: Es gibt eine klare Perspektive, wie es besser gehen kann. Wir Bündnisgrüne wollen Schulen, in denen Kinder länger gemeinsam lernen können – unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund. Wir wollen Schulen, in denen Lehrkräfte gut arbeiten können – weil sie durch multiprofessionelle Teams entlastet werden. Wir wollen einen Ganztag,
der als gemeinsamer Bildungs- und Lebensraum gedacht ist – nicht als Aneinanderreihung von Zuständigkeiten.
Wir wollen eine Digitalisierung, die pädagogisch sinnvoll ist, technisch funktioniert und von Fachkräften unterstützt wird. Und wir wollen, dass Bildung für nachhaltige Entwicklung fest in der Lehrkräftebildung verankert wird – als Vorbereitung auf eine Zukunft, die wir heute nur erahnen können. All das ist möglich. Aber es braucht Mut zur Veränderung. Und es braucht die Bereitschaft, auch unbequeme Debatten zu führen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen
Am Ende bleibt eine einfache Wahrheit: Sachsen hat ein leistungsfähiges Schulsystem. Aber es lebt derzeit von der Substanz seiner Beschäftigten. Und diese Substanz ist nicht unendlich belastbar. Die Menschen, die dieses System tragen – Lehrkräfte, Schulsozialarbeitende, pädagogische Fachkräfte –
verdienen mehr als Anerkennung. Sie verdienen Strukturen, die ihre Arbeit dauerhaft ermöglichen. Wir werden diesen Weg konstruktiv begleiten.
Aber wir werden auch klar benennen, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen. Denn „zukunftssicher“ wird unser Bildungssystem nur dann,
wenn wir den Mut haben, es wirklich weiterzuentwickeln.
Vielen Dank.