Datum: 04. Februar 2026

Aktuelle Debatte Yad-Vashem-Bildungszentrum in Sachsen – Maicher: Einmalige Chance nutzen und gleichzeitig unsere Erinnerungsorte stärken

Redebeitrag der Abgeordneten Dr. Claudia Maicher (BÜNDNISGRÜNE) zur Zweiten Aktuellen Debatte auf Antrag der SPD: „Nie wieder ist jetzt: Erinnerung weitergeben – Haltung zeigen – Yad-Vashem-Bildungszentrum aufbauen“

24. Sitzung des 8. Sächsischen Landtags, Mittwoch, 04.02.2025, TOP 2

– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ein Yad Vashem Education Center in Sachsen, als erste Außenstelle außerhalb Israels, das wäre ein großer Gewinn. Da sind auch wir BÜNDNISGRÜNE sicher. Diese weltweit anerkannte Instanz wäre von herausragender Bedeutung. Jüdische Erfahrungen in Europa vor, während und nach der Shoah könnten von Sachsen aus sichtbar werden. Sie könnten zur Sicherung der Demokratien in Europa beitragen.

Gerade jetzt, da antisemitische und rechtsextreme Einstellungen zunehmen und Geschichtsrevisionismus an der Tagesordnung ist. Da brauchen wir Bildungsorte, die historische Verantwortung in Handeln umsetzen.

Wir unterstützen das Engagement der Staatsregierung, das Bildungszentrum nach Sachsen zu holen. Wir sehen darin gleichwohl eine große Verantwortung. Es braucht ein umsichtiges Vorgehen.

Wir sind mitten im Auswahlprozess. Eine Begehung mit einem Team der Holocaust Gedenkstätte hat im Leipziger Ariowitsch-Haus stattgefunden. Es stehen Fragen des Ortes, der Räumlichkeiten, des Betreiberkonzeptes, der Finanzierung an.

Entscheidend ist bei dieser Größenordnung auch die Beteiligung des Bundes. Da hat sich die Staatsregierung sicherlich schon mit Bundesbildungsministerin Prien unterhalten. All das muss zeitnah geklärt sein, wenn bis Jahresmitte die Entscheidung fällt.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
so groß der Gewinn ist, wenn der Freistaat diese Ansiedlung möglich macht, so sehr möchte ich auch den Blick auf die Engagierten in der sächsischen Erinnerungskultur richten, die seit vielen Jahren unheimlich wichtige Arbeit mit zu wenig Ressourcen leisten.

Gerade unsere dichte Aufarbeitungslandschaft ist ein Standortargument für ein Yad Vashem Zentrum. Sachsen verspricht eine hohe Qualität und Vielfalt an Kooperationspartnern:

  • wir haben plurale und dezentrale Strukturen,
  • aufgebaut auf zivilgesellschaftlichem Engagement,
  • politisch unabhängig, ohne geschichtspolitische Steuerung von oben,
  • offen für Aushandlungsprozesse und eine kritische Aufarbeitung vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen.

Diese Erinnerungslandschaft besteht, weil sie sich auf eine öffentliche Förderarchitektur stützen kann. Die Gedenkstättenstiftung mit ihren Standorten, der institutionellen Förderung, die Strukturen und Gedenkorte sichert. Und einer Projektförderung, die Ausstellungen, Geschichtswerkstätten und Bildungsangebote, Vernetzung und Forschung ermöglicht. Dazu die Förderung der sächsischen Landesarbeitsgemeinschaft Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der TU Dresden und weitere Förderschwerpunkte der Staatsregierung.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Sachsen ist ein attraktiver Erinnerungsstandort, weil wir uns entschieden haben, das Erinnern landesweit lebendig zu halten. Deshalb ist das Yad-Vashem-Bildungszentrum von Anfang an mit der bestehenden sächsischen Erinnerungslandschaft zusammenzudenken. Nur so wird das funktionieren. Das Zentrum kann dann gut bei uns ankommen, wenn wir gleichzeitig die lokalen Strukturen stärken.

Ermöglichen wir weiterhin lokalen Initiativen, Diktaturgeschichte und NS-Verbrechen aufzuarbeiten, sich um blinde Flecken und authentische Orte zu kümmern. Dafür steht z.B. der Alte Leipziger Bahnhof in Dresden. Als Ort der Verfolgungsgeschichte von Jüdinnen und Juden in Sachsen, an dem engagierte, auch jüdische Akteur*innen eine Gedenk- und Begegnungsstätte aufbauen wollen. Solche Entwicklungen müssen wir in Sachsen weiter möglich machen.

Ich appelliere an die Staatsregierung, den sächsischen Akteuren die Befürchtung zu nehmen, dass ein neues Großprojekt ihr Engagement künftig noch schwieriger machen könnte und in finanzieller Konkurrenz stehen würde.

Verehrte Kolleginnen und Kollegen,
ein Yad-Vashem-Bildungszentrum mitten in Europa und in Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn in Polen und Tschechien – die Staatsregierung soll diese einmalige Chance nutzen und gleichzeitig unsere Gedenkstätten und Erinnerungsorte stärken. Ebenso wie die Sichtbarkeit jüdischer Kultur und Geschichte nach dem Themenjahr TACHELES und das entschiedene Handeln gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus.

Vielen Dank.