Bewerbung fürs Einstein-Teleskop in der Lausitz – Schubert: Das ist ein selbstbewusster Anspruch einer Region im Aufbruch
Redebeitrag der Abgeordneten Franziska Schubert (BÜNDNISGRÜNE) zum Antrag der Fraktion BÜNDNISGRÜNE: „Einstein-Teleskop in der Lausitz ansiedeln: Chancen für Spitzenforschung, Strukturwandel und europäische Kooperation nutzen“ (Drs 8/4959)
25. Sitzung des 8. Sächsischen Landtags, Donnerstag, 05.02.2025, TOP 12
– Es gilt das gesprochene Wort –
Sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
bei einem Antrag über das Einstein-Teleskop liegt es nahe, an den Namen zu erinnern, der diesem Projekt seinen geistigen Rahmen gibt. Albert Einstein hat einmal gesagt: „Das Wichtigste ist, dass man nicht aufhört zu fragen.“
Genau darum geht es beim Einstein-Teleskop: um Neugier, um das Streben nach Erkenntnis, um wissenschaftliche Spitzenforschung. Es geht um Ehrgeiz, Beharrlichkeit und Zusammenarbeit – und um die Bereitschaft, große Fragen nicht zu scheuen.
Das Einstein-Teleskop wird Gravitationswellen messen – feinste Erschütterungen der Raumzeit, die Albert Einstein bereits 1916 im Rahmen seiner Allgemeinen Relativitätstheorie beschrieben hat. Selbst Einstein war damals skeptisch, ob diese Phänomene jemals experimentell nachweisbar sein würden. Doch ein Jahrhundert später ist genau das gelungen: 2015 erstmals direkt, wenige Jahre später erneut und mit stetig wachsender Präzision.
Auf diesen Durchbrüchen baut die Idee eines europäischen Einstein-Teleskops auf: als Instrument einer neuen Generation, das Gravitationswellen dauerhaft und deutlich empfindlicher messen kann als bisherige Anlagen. Es wird uns neue Einblicke geben in die Entstehung des Universums, in schwarze Löcher und Neutronensterne – und damit in Fragen, die die Menschheit seit Jahrhunderten bewegen: Woher kommen wir? Wie ist das Universum entstanden? Welche Kräfte formen Raum und Zeit? Das ist Grundlagenforschung auf höchstem Niveau – und zutiefst faszinierend.
Doch diese großen Fragen allein rechtfertigen nicht die politische Unterstützung, über die wir heute sprechen. Wer das Einstein-Teleskop ausschließlich als wissenschaftliches Instrument betrachtet, greift zu kurz. Denn dieses Projekt ist mehr als Forschung. Es verbindet Spitzenwissenschaft mit regionaler Entwicklung. Es bringt Menschen und Institutionen zusammen – über Länder- und Disziplingrenzen hinweg. Und es eröffnet einer Region, die den Strukturwandel nicht fürchten muss, sondern aktiv gestaltet, eine zusätzliche, starke Perspektive.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
ich komme aus der Lausitz. Ich kenne die Geschichte der Menschen dort. Viele haben erlebt, wie Arbeitsplätze verschwanden, wie Industrien weggebrochen sind, wie Betriebe schlossen. Viele haben erlebt, wie junge Menschen gegangen sind – weil sie für sich keine Zukunft sahen.
Aber ich kenne auch die andere Seite dieser Region: die Kraft, mit der Menschen anpacken. Die Ideen, die sie entwickeln. Die Hartnäckigkeit, mit der sie Verantwortung für ihre Heimat übernehmen. Genau aus dieser Haltung heraus bewirbt sich die Lausitz heute um eines der bedeutendsten Großforschungsprojekte der Welt. Das ist kein Zufall – und alles andere als selbstverständlich. Ich finde das großartig.
Die Lausitz greift nach den Sternen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Das ist mehr als ein schönes Bild. Es ist ein selbstbewusster Anspruch einer Region im Aufbruch. Wer sich um eines der ambitioniertesten Forschungsprojekte Europas bewirbt, sagt: Wir trauen uns das zu. Wir haben das Know-how, die Flächen, die Menschen und den Willen, Teil internationaler Spitzenforschung zu sein.
Konkret würde eine Ansiedlung bedeuten: Dass Kinder und Enkel hierbleiben können und ihre Zukunft in der Region gestalten. Dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt in der Lausitz forschen. Dass junge Menschen in MINT-Fächern eine Perspektive sehen – nicht nur in München oder Berlin, sondern auch in Görlitz, Bautzen oder Hoyerswerda. Das ist Strukturwandel mit Substanz.
Die Lausitz bringt dafür hervorragende Voraussetzungen mit. Der seismisch ruhige Lausitzer Granit ist ideal für den Betrieb hochsensibler Detektoren. Mit dem Deutschen Zentrum für Astrophysik in Görlitz gibt es bereits ein international vernetztes Spitzenforschungszentrum. Hinzu kommen die TU Dresden, die Hochschule Zittau/Görlitz und die TU Bergakademie Freiberg, die mit ihrer besonderen Expertise in den Geo-, Ingenieur- und Naturwissenschaften das Projekt fachlich begleiten können.
Langfristig kann so ein regionales Forschungs-Ökosystem entstehen – von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung entlang der technologischen Wertschöpfungskette. Das stärkt die Lausitz. Das stärkt Sachsen als Wissenschafts- und Technologiestandort im Herzen Europas. Und es stärkt unsere Position im internationalen Wettbewerb.
Besonders hervorheben möchte ich die europäische Dimension dieses Projekts. Das Einstein-Teleskop ist von Anfang an als europäisches Gemeinschaftsvorhaben gedacht – und genau darin liegt seine Stärke. Es eröffnet neue Räume für grenzüberschreitende Kooperation und wissenschaftliche Vernetzung. Die Lausitz ist mit ihrer Lage im Dreiländereck zu Polen und Tschechien dafür hervorragend geeignet.
Vor diesem Hintergrund ist auch die Vereinbarung zur Zusammenarbeit zwischen Sachsen und der Region Sardinien ein wichtiger Schritt. Jetzt gilt es, diese Kooperation weiter zu vertiefen und die europäische Dimension noch sichtbarer zu machen. Nicht gegeneinander, sondern gemeinsam – so funktioniert europäische Spitzenforschung.
Für uns BÜNDNISGRÜNE bleibt dabei ein Punkt zentral: Die langfristige wissenschaftliche Nutzung der Lausitz steht im klaren Widerspruch zu einer möglichen Nutzung als Atomendlager. Wer ernsthaft in Forschung investieren will, wer junge Menschen gewinnen und halten will, der muss Prioritäten setzen. Das Einstein-Teleskop steht für eine nachhaltige, wissensbasierte Entwicklung; ein Atomendlager tut das nicht.
Lassen Sie mich zum Schluss sagen: Politik für die Lausitz muss von Respekt getragen sein. Respekt vor den Menschen, die dort leben. Respekt vor ihrer Arbeit, ihrer Lebensleistung und ihrer Zukunft.
Das Einstein-Teleskop ist eine Chance, diesen Respekt konkret zu zeigen: durch Investitionen, durch Arbeitsplätze, durch Perspektiven. Es geht um ein Vorhaben von außergewöhnlicher wissenschaftlicher Tragweite – mit Erkenntnissen von globaler Bedeutung.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
wir stehen in der Lausitz an einer Weggabelung. Die Frage ist einfach: Wofür soll diese Region in zehn oder zwanzig Jahren stehen?
Als BÜNDNISGRÜNE sagen wir: für einen Ort, an dem Spitzenforschung und regionale Entwicklung Hand in Hand gehen. Für gute Arbeit und Wertschöpfung vor Ort. Für eine lebenswerte Region mit Zukunft. Deshalb setzen wir uns mit Nachdruck für die Ansiedlung des Einstein-Teleskops in der Lausitz ein. Ich lade Sie alle ein, sich mit uns dahinter zu versammeln und heute ein klares Zeichen in die gesamte Bundesrepublik und nach Europa zu senden.
Vielen Dank.